Wohin?

Nach Leipzig.

Vergangene Woche war Buchmesse in Leipzig. Ich war Donnerstag und Freitag dort, genoss die Atmosphäre, traf auf viele großartige Menschen und dezimierte die Kaffee-Vorräte in der PAN-Autoren-Lounge.

Leider konnte ich auch dieses Jahr nichts schriftstellerisches zur Messe beitragen, doch die Freundschaftspflege, und das, was man wohl so als »netzwerken« bezeichnen kann, ließ die Tage nicht langweilig werden.

Am Samstag ging es wieder nach Hause und schon hat mich der Alltag im »nicht-schreibenden-Leben« zurück, mit all seinen Höhen und bedauerlicher Weise aktuell überwiegend … Tiefen.

Zu meiner Überraschung war das Thema, das die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen umtrieb, weder die Urheberrechtsreform (wird von den meisten, obwohl selbst Urheber, in dieser Form schlichtweg als Desaster angesehen), noch die in den »Sozialen Medien« omnipräsente Vielfältigkeits-, Repräsentations- und Geschlechterdebatte(* siehe unten) (was selbstverständlich nicht heißen soll, dass das Thema nicht weiter brennt wie wenig anderes!), und auch die Löschung der Wikipedia-Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen beherrschte nicht alle Unterhaltungen.

Tatsächlich ging es in vielen Unterhaltungen irgendwann um die allgemeine Situation in der Buchbranche, speziell in der deutschen Phantastik.

Allgemein wurde festgestellt, dass die Phantastik wieder stärker zum Nischenmarkt wird – PAN, Seraph und Phantastik-Bestenliste zum trotz-, und dass eine Veröffentlichung bei einem großen Publikumsverlag inzwischen auch kein Garant für nennenswerte Verkaufszahlen ist.

Ich stellte vor einigen Jahren die Prognose, dass sich der Buchmarkt ähnlich entwickeln wird, wie in der Musikbranche schon geschehen. Die inzwischen auch nicht mehr so »Neuen Medien« ziehen Zeit und Geld zu sich, und die durch die zunehmende Digitalisierung entstandene Entwertung der »Ware« (»Eine digitale Kopie nimmt ja niemandem etwas weg!«) führte im Musikmarkt schon zur Jahrtausendwende zu einem Umsatzeinbruch (vor 20 Jahren brauchte ein Künstler 250 000 Plattenverkäufe für eine »Goldene Schallplatte« inzwischen reichen 100 000). Die großen Plattenfirmen konzentrierten sich lieber auf eine Handvoll internationaler Popsternchen für den Werberadio-Dudelfunk (Entschuldigung, hier will ich gar nicht objektiv sein!) und versorgen den Musikfan alten Schlags mit der hundertsten »Limited-Edition-Remaster-Collectoin-Fan-Box« seiner Lieblingsband.

Der Rest der Musikszene lebt bei Klein- und Kleinstlabels, oder gleich in der Selbstvermarktung. Doch wer die Augen und besonders die Ohren öffnet, stellt fest, dass sich die »echte« Musikszene zwar in unzählige Subgenre-Schubladen verzogen hat, jedoch vielfältig und qualitativ hochwertig wie nie ist. Ich finde heute in den von mir bevorzugten Genres so viel gute, neue Musik, dass ich permanent vor der Qual der Wahl stehe. Nur sind es eben Nischen, die in der sogenannten »breiten Öffentlichkeit« nicht mehr stattfinden. Und – das ist das größere Problem – kaum noch einer dieser Künstler kann von seiner Arbeit leben, geschweige denn … reich werden.

Nun erleben wir eben vergleichbares in der Buchbranche. Gestern Socken im Zehner-Pack »One-Size-Fits-All«, dann der »Millennial Whoop« für alle zum mitgröhlen, morgen Tütensuppen »One-Taste-Pukes-All«, dazwischen kümmert sich die Karawane der Betriebswirte um die Publikumsverlage, macht auch sie Markkonform, macht »Internationale Bestseller« für alle, und wer das »wahre Leben« liebt, bekommt B-, C-, und D-Promi-Bios von der Stange. Ansonsten wartet man auf »The-Next-Big-Thing«, weil Harry Potter und Twilight, das kann es doch nicht schon gewesen sein.

Oh, auch ich hätte gerne die ledergebundene Luxusausgabe des »Herrn der Ringe« , und die Neuausgabe von Ursula Le Guins »Erdsee« leuchtet im Bücherregal, fast zu schön um sie zu lesen.

Aber es sind heute die tausend Klein- und Kleinstverlage sowie unzählige Selfpublisher, die sich um den Rest – den Nicht-Mainstream – kümmern. Und das machen sie inzwischen verdammt gut. Wenn ich heute über die Buchmesse oder über den BuCon schlendere, bin ich begeistert, wie viele wunderschöne und auch handwerklich phantastisch gemachte Bücher ich sehen – und lesen darf. Vorbei die Zeit, als Kleinstverlag gleichbedeutend war mit schlecht lektoriert, Flattersatz, und augenkrebserzeugenden Buchumschlägen – Titel und Autor in »Comic-Sans«.

Alles prima also? Nein. Denn diese veränderte Welt trifft die Autorenschaft vielleicht noch etwas härter als die Musikszene. Immerhin können sich viele Bands bei Konzerte ein kleinen Teil dessen zurückholen, was sie bei den Album-Verkäufen verloren haben. Und so schaffen es doch einige ins Profi-Lager auf Harz-4-Niveau, die es sonst nicht soweit geschaft hätten. Natürlich gibt es auch in der Autorenschaft begnadete Vorleser, jedoch werden Lesungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie den Stellenwert eines Live-Konzerts haben. Und sowohl Musiker, als Autoren, versuchen sich inzwischen mit unterschiedlichem Erfolg an Crowdfunding oder Patreon. Aber auch das wird nicht für alle reichen. Und jetzt schon bemerken wir gerne, dass die Autoren-Kollegenschaft einen unangenehm bedeutsamen Anteil an unseren Buchverkäufen ausmacht – kauf ich deins, kaufst du meins … Das Problen bleibt: Der Kuchen schmekt noch immer lecker, aber er wird kleiner …

Sowas wie ein Fazit? Ich glaube an die Szene. Allen Unkenrufen zum Trotz bin ich überzeugt, dass es noch nie so viele gute und auch gut gemachte Geschichten, Romane, Anthologien in der deutschen Phantastik gab. Aber die Welt verändert sich – und nicht nur zum Guten, nein beileibe nicht. Der Buchmarkt schrumpft weiter, eingezwängt zwischen Netflix und Instagram und »allzeit bereit im Job«. Und die Phantastische Literatur ist eine Nische im schrumpfenden Buchmarkt, die deutschsprachige Phantastische Literatur ist eine Nische in der Nische im schrumpfenden Buchmarkt. Auch wenn diese Nische ist bunt ist, und lebendig wie nie.

Als Leser mache ich mir da keine Sorgen …

… und als Autor?

Wohin?

Ich weiß es nicht.

Die nächsten Jahre bleiben spannend.

Sorry, dass ich Euch die Lösung schuldig bleibe.

Nicht in Leipzig eingekauft (mit dem Zug unterwegs), sondern bei der Buchhändlerin meines Vertrauens gleich nach der Messe bestellt … Weitere folgen …

(*) Verzeiht mir, aber mir sind Begriffe wie »Diversity«, »Gender« etc. herzlich unsympathisch. Ich habe kein Problem darin, wenn ihr sie verwendet, ich verstehe sich auch – nach dem in den einen oder anderen Begriff recherchiert hatte – aber ich versuche sie zu vermeiden. Warum? Nicht zuletzt, weil es in einer Diskussion (u.A.) um die deutsche Sprache von Vorteil wäre auch deutsche Begriffe zu verwenden. Das hat nichts mit »Deutschtümelei« zu tun. Aber wenn man Menschen erreichen will, dann sollte man ihre Sprache sprechen, und nicht von ihnen verlangen, die selbst verwendeten (Fach-)Begriffe zu erlernen, zumal ja genügend eindeutig und allgemein verständliche Worte vorhanden sind. Und nicht zuletzt: Stellt euch vor, wir hätten konsequent von »Geschlechter- Reprästentation«, »Geschlechter-Gerechtigkeit«, »Geschlechter-Wahrnehmung« etc. gesprochen. Die »Ewig-Gestrigen« könnten nicht aufschreien: »Genderirrsinn! Wir werden alle gegendert! Ich will nicht gegendert werden!«. Wie würde sich das anhören: »Geschlechterirrsinn! Wir werden alle geschlechtert! Ich will nicht geschlechtert werden!«

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