»Geile Binsen, Ey!«

Sie haben mir ein Wort geklaut! Einfach so. Das Wort ist nicht weg. Im Gegenteil: Es ist in aller Munde. Trotzdem: sie haben es mir weggenommen!

Einst versetzte jenes Wort genau jene in Angst und Schrecken, die es sich jetzt angeeignet haben. Es war ihnen Sinnbild für Unbill, für Veränderung, für eine undankbare Jugend, die alles besser weiß, was sie schon immer besser wussten.

Ihr wisst schon, welches Wort ich meine.

Alternativ!

Komisch, dass gerade in der Zeit des niemals vergessenden Netzes das Erinnerungsvermögen der Menschen so nachgelassen hat. In den Achtzigern, da waren wir die »Alternative«, und nichts, aber auch gar nichts wäre uns ferner gewesen, als mit jenen ewig gestrigen zu sympathisieren, die sich heute »Alternative …« nennen. Aber sie haben sich das Wort jetzt angeeignet … und damit ist es für mich … für uns … so irgendwie … weg … verbrannt … doppeldeutig … unaussprechbar … missverständlich geworden.

Warum komme ich jetzt damit daher? In einem Blog über das Schreiben, in dem ich mich eigentlich nicht viel über Politik auslassen möchte?

Ganz einfach: es geht um Worte. Worte verändern sich, auch wenn sie dieselben bleiben. Das passiert die ganze Zeit. Immer. Überall. Was ich gestern sagte. Was du morgen verstehst. Es wird etwas anderes sein. Ob es mir oder dir gefällt oder nicht.

Auch – und gerade – als Geschichtenerzähler muss mir das immer gegenwärtig sein. Ich sende Worte. Doch empfängst du sie auch so, wie ich sie verstanden haben möchte?

Ein Beispiel?

[…] Ich blickte auf die Szene vor mir – das Gebäude selbst, und die kargen Linienzüge der zugehörigen Gründe – auf die unwirtlichen Mauern – die blicklosen Fensteraugen – ein paar geile Binsenbüschel – die wenigen bleichen Rümpfe verstorbener Bäume – und eine solche Verödung der Seele überkam mich […]

(Aus Edgar Allen Poe, »Der Fall des Hauses Ascher«, übersetzt von Arno Schmidt, Suhrkamp Taschenbuch 1981)

Moment mal … was stand da gerade?

»Geile Binsenbüschel«

Wie bitte?

»Ey, Mann! Voll geile Binsenbüschel hier!«

Das obige Zitat stammt aus meiner alten Ausgabe von Edgar Allen Poes »Der Fall des Hauses Ascher« – übersetzt von Arno Schmidt, Suhrkamp Taschenbuch 1981. Die Übersetzung ist noch etwas älter als meine Ausgabe. Und als ich das Anfang der Achtziger las (also in jener Zeit, als wir noch die Alternativen waren, aber das nur so am Rande), dachte ich bei dem Wort »geil« nicht an cool oder toll oder super oder so. Liebe Unter-Vierzigjährige: Wurde damals etwas oder jemand als »geil« bezeichnet, so betraf dies einzig und allein Unterleibs-Angelegenheiten und war somit hochgradig unanständig. Was ich hier also las, waren »lüsterne Binsenbüschel«. Mir war klar, dass ich in diesem Zusammenhang mit meiner Interpretation falsch lag, und mangels Internets gebrauchte es eines Dudens, um die korrekte »Übersetzung« zu finden. Also hier für alle Unter-Hundertjährigen und Nicht-Landwirte: Der Duden definiert: »geil: (Landwirtschaft, Pflanzen) allzu üppig, aber nicht sehr kräftig wachsend; wuchernd.«

Arno Schmidt übersetzt die »rank sedges« durchaus korrekt. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie in einer Neuübersetzung heute noch so drin stehen würden, da die »geilen Binsenbüschel« inzwischen sogar doppelt missverständlich wären. – Ich besitze keine aktuellere Übersetzung, kann es also nicht nachprüfen, wer eine besitzt darf mich gerne aufklären.

Was bei einer (Neu-)Übersetzung unproblematisch erscheint, gar selbstverständlich ist, wird bei einem Werk in seiner eigenen Sprache schon schwieriger. Die Diskussion um Otfried Preußlers Werk, aus dem Worte wie »wichsen« und »das N-Wort«(*1) gebannt wurden, zeigte das allzu deutlich. Hier scheint mir ein Urteil zu fällen, schon schwerer, und zumindest nicht pauschel möglich.

Einerseits bin ich überzeugt, dass der Autor (m/w/d) sicherlich korrekt verstanden werden will, er/sie entsprechende Worte und Redewendungen heute sicher nicht mehr verwenden würde, und somit auch eine posthume »Anpassung«, sozusagen eine Neu-Übersetzung ins »Neu-Deutsche«, durchaus sinnvoll sein kann. Michael Ende ließ Jim Knopf noch zu Lebzeiten – in den Achtzigern (schon wieder!) – nicht mehr in ein Phantasieland namens China reisen, sondern in das Phantasieland Mandala – wobei die Aussagen, was ihn wohl dazu bewogen hat, durchaus unterschiedlich sind. Ich glaube ehrlich nicht, dass irgendjemand ernsthaft Jim Knopfs China mit dem real existierenden China verwechselt hat. Trotzdem dürfen wir von uns allen jene Sensibilität erwarten, auch nicht im Scherz davon auszugehen, in China Pferdeäpfel in Elefantensahne vorgesetzt zu bekommen. Auch ist eine sprachliche Anpassung, bei der heute missverständliche oder gar inzwischen als beleidigend aufgefasste Begriffe korrigiert werden, weder bei Preußler, noch bei Michael Ende, und auch nicht bei der Übersetzung von Astrid Lindgren, etwas, dass das Werk in seinem Kern »entstellen« würde.

Andererseits wollen wir ein Werk selbstverständlich so erhalten und lesen können, wie es vom Künstler geschaffen wurde; es nicht künstlich einem vermeintlichen und möglicherweise kurzlebigen Zeitgeist anpassen. Und kein Mensch kann ernsthaft verlangen »Huckleberry Finn« zu »entschärfen«. Das N-Wort ist hier in all seiner Kontroverse essenziell für die Verständnis des Werks.

Außerdem besteht die Gefahr, dass durch solche »Anpassungen« vergessen wird, dass jenes »geil«, »wichsen« und ja, auch das N-Wort, zu jener Zeit, als es vom Autor verwendet wurde, in den Ohren der damals lebenden Menschen anders verstanden wurde, als heute. Wenn wird das nicht akzeptieren, erschaffen wir eine Schuld, die es in jenem Zusammenhang nie gab.

Sprache verändert sich. Worte verändern sich. Sie verändert sich über die Zeit, über die Region – ein Fotzenhobel ist in Bayern nichts Unanständiges -, über das kulturelle und soziale Umfeld.

Doch Sprache verändert sich nicht nur langsam und von »unten«. Sprache wird auch bewusst verändert und manipuliert. Um ein Ziel zu erreichen, um etwas zu präzisieren, oder auch sehr oft, genau im Gegenteil: Um etwas zu verschleiern oder schönzureden.

In den Neunzigern (endlich mal eine andere Zeit) begegnete ich erstmals dem Begriff der »politischen Korrektheit« oder neudeutsch »Political Correctness«. Eigentlich war es eine gute Sache. Sie gab dem »N-Wort« den Todesstoß, da es zu diesem Zeitpunkt in einem überwiegenden Konsens als rassistisch erkannt war; und ich möchte mich nicht mehr an die zum Teil wirklich üblen Worte erinnern, die wir für behinderte Menschen gebraucht hatten. Spätestens als sich die »Aktion Sorgenkind« in »Aktion Mensch« umbenannt hatte, war klar, dass wir es wirklich besser machen können.

Nun mögen auch hier die Meinungen auseinander gehen, wie weit Sprache gebogen werden kann, ehe sie unverständlich wird oder so entstellt, dass das »Korrekte« selbst wieder beleidigend ist. Hier das Zitat einer interessanten Begegnung, hoffentlich korrekt widergegeben: »Wenn ich vor einer Treppe stehe, fühle ich mich von ihr behindert, nicht herausgefordert!«.

Jedoch gab es in den Neunzigern eine weitere »politisch korrekte Sprachreform«, die nicht von Respekt und Nächstenliebe angetrieben war. Plötzlich sprach man von »friedensschaffende Maßnahmen«, »Vorwärtsverteidigung«, »Kollateralschäden«, »Weichzielen« … die Liste lässt sich fortsetzten, die Phantasie der Menschen ist scheinbar unbegrenzt, sich das Grauen schönzureden. Auch die Wirtschaft nahm die Schönrederei begeistert auf, »setzte Frei« wo früher entlassen wurde, ist ja »Humankapital«. Und das babylonische Sprachwirrwarr, dass sich die neue Ökonomie angetan hat … Ok, lassen wir das, ist nicht unsere heutige Baustelle.

Mir zumindest war die sogenannte »Political Correctness« schon bald zutiefst zuwider. Bedeutete sie doch im besten Fall: Gut gemeint, aber schlecht gemacht; leider viel häufiger jedoch, dass »der Wolf die Kreide gefressen hatte« und jetzt ungehemmt mit schönen Worten beleidigen, angreifen und hetzen konnte.

Aber sind es nicht die Worte, die unser Denken lenken?

Nun, ich denke, dass diese zur Zeit sehr häufig zitierte These zwar nicht falsch ist, jedoch sehr irreführend.

Nicht das Wort beleidigt, sondern der Gedanke, der sich dahinter verbirgt.

In den Neunzigern hatten wir auch schon einmal eine Partei, die auf Kosten von Menschen in Not auf Stimmenfang ging. Damals hießen diese Menschen noch »Asylanten«. Dieser Begriff war schon immer so falsch wie beleidigend(*3) und verschwand deshalb auch bald aus dem Sprachgebrauch der meisten Leute. Hat es etwas gebracht? »Flüchtling« ist ein deutlich korrekteres und positiver besetztes Wort – gewesen, den kombiniert man es nur vehement genug mit Begriffen wie »Flut«, »Pack« und »kriminell«, verbrennt es wie alle anderen Begriffe zuvor.

Das ist das Problem, das jede noch so gut gemeinte »Sprachkorrektur« gemein hat: Sie übersieht gerne das Kernproblem. Ja, Sprache beeinflusst das Denken. Aber nicht so, wie es gerne angenommen wird. Es sind die Schlüsselworte, die Reizworte, die ein jegliches anderes Wort verdammen können.

Blumen sind was nettes. Was schönes. Was hübsches. Wir können nicht genug Blumen haben.

Bis dann die Blumenflut über uns hereinbricht, die Blumenseuche und heimsucht, das kriminelle Blumenpack unsere Autos klaut, überall mit seinem üblem Blumengestank uns belästigt, unseren Frauen mit deren dicken Blütenpollen Blumenkinder macht …

Ok! Genug!

Ihr versteht, was ich meine: Nimm das Wort deiner Wahl, das du jetzt für gut, für richtig, für korrekt hältst, und klebe ihm die entsprechenden Schlüsselwörter an. Das Wort wird verderben und verbrennen. Jedes Wort. Übergib es den Misogynen, den Rassisten, den Homophoben, den Menschenhassern. Und es wird für dich unaussprechlich werden.

Dabei ist das Wort noch immer das selbe.

Bist du jetzt misogyn, rassistisch, homophob, weil du es verwendet hast, oder gar noch immer verwendest?

Nein. Natürlich nicht.

Denn nicht die Worte an sich sind lobend, liebend, beleidigend, rassistisch, misogyn, sonstwas. Es ist der Redner, die Rednerin. Es ist der Gedanke und die Absicht, die dahinterstecken. Sprache ist das Werkzeug. Worte sind Werkzeuge. Als Werkzeug können sie erschaffen und zerstören, heilen und verletzen.

Es ist eigentlich ganz einfach. Jede Kommunikation benötigt drei Elemente: Den Sender, den Empfänger (die natürlich jeweils wechseln können) und die Sprache. Sie ist das Werkzeug. Und sie ist der Code, der übermittelt wird. Der Sender übersetzt seine Gedanken, Gefühle und Bilder in einen Code: Die Worte, die er spricht oder schreibt. Der Empfänger entschlüsselt diesen Code wieder, so dass bei ihm Gedanken, Gefühle und Bilder entstehen. Sprechen Sender und Empfänger nicht die selbe Sprache, funktioniert das nicht.

Nun glauben wir zwar, die selbe Sprache zu sprechen, jedoch tun wir das nicht zu 100%. Es gibt immer einen Interpretationsspielraum. Variationen, die regional, sozial, kulturell, beruflich, durch tausend weitere Einflüsse, und nicht zuletzt dadurch, dass jeder Individuum ist, eine Streuung, eine Unschärfe in der „selben Sprache“ erschaffen.

Ich spreche „ichisch“, du sprichst „duisch“.

Wenn wir uns gegenüberstehen, ist es noch relativ einfach. Du hörst meinen Tonfall, siehst meine Gestik und Mimik. Du erkennst die ganzen Nuancen der Kommunikation, von denen die Sprache – und das gedruckte Wort erst recht – nur Teile sind. Und wenn das alles nicht reicht, kannst mich unterbrechen, kannst nachfragen, nachhaken, dann können du und ich klären, was unklar ist.

Wie schwierig kann schon ein Telefonat sein. Wie unmöglich ein Brief oder Email. Wie absurd eine SMS, Twitter oder WhatsApp-Nachricht! Was bedeutet der Emoji? Ist das Zwinkern jetzt ironisch, oder anzüglich gemeint? Lacht er mich an? Oder lacht er mich aus?

Es wundert mich nicht, dass man das Gefühl bekommt, die sogenannten »Sozialen Medien« seien nur dazu da Hass, Beleidigungen, Mobbing, Missgunst zu verbreiten. Je kürzer eine Nachricht, je leichtfertiger sie versendet wird, je mehr Abkürzungen, Fremdworte, Slang und Szenensprache sie enthalten, desto mehr Interpretationsspielraum geben wir dem Empfänger, desto missverständlicher wird alles.

Ich glaube, das ist das Kernproblem. Wir alle stürzen uns in eine schlagwortbestimmte Kommunikation, erwarten von unseren Gegenüber, dass sie uns exakt verstehen und unterstellen zugleich unseren Gegenüber das Schlechteste.

Wie wäre es, wenn wir erst einmal das Beste unterstellen würden, und im Zweifelsfall lieber einmal zu oft nachfragen?

Als Geschichtenerzähler heißt das für mich, dass ich bereit sein muss, missverstanden zu werden. Und, dass ich nachfragen kann, wo ich weiß, dass ich missverstanden werden könnte.

Es bedeutet auch, dass jegliche Kommunikation die oben geschilderten drei Stationen (die Kodierung durch den Sender, den Sendevorgang, und die Dekodierung durch den Empfänger) durchläuft. Und das gilt eben auch für Geschichten, Romane, Blogs, Posts etc. Meine Geschichte ist erst erzählt, wenn sie der Leser gelesen hat. Und wie die Geschichte dann aussieht, weiß ich nicht … ich kann nur das Beste versuchen.

Gruselig, nicht?

Auch heute bleibe ich euch allen eine Lösung schuldig …

****

(*1) Das »N-Wort«: Für einige der »Voldemort« unter den Worten, für andere schon immer beleidigend und zurecht unaussprechlich(*2) wie kein zweites deutschen Wort. Die Wahrheit liegt wie so oft vermutlich irgendwo dazwischen. Mein Standpunkt: Das »N-Wort« galt bis in die 70er weitgehend als nicht-rassistisch, wer es also (mangels besseren Wissens) bis dahin verwendete, kann nicht posthum zu Rassisten gemacht werden. Aber wer – obwohl er weiß, dass es rassistisch ist, es weiterhin verwenden will, weil er oder sie es ja nicht rassistisch meinen, ist vielleicht auch kein Rassist, aber vermutlich ein Idiot.

(*2) unaussprechlich: Begegnete mir erstmals im Werk H.P. Lovecvrafts. Und in dem Kommentar eines Kritikers, der meinte, dass Lovecrafts Wortschöpfungen doch eher unaussprechbar als unaussprechlich seien. Womit deutlich wird, dass diese beiden Worte eine durchaus unterschiedliche Bedeutung haben. Eine Erkenntnis, die sich bei Werbetextern noch nicht herumgesprochen hat.

(*3) Asylant: Die Menschen, um die es geht, bitten um Asyl, können also noch gar nicht den »Status« eines »Asylanten« haben, also: falsch. Und sollte ihnen dann Asyl gewährt werden, sie auf diesen Status zu reduzieren ist beleidigend.

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