Nachtragend (1)

Nein, ich bin nicht nachtragend. Ich möchte nur nicht versäumen, ein paar Themen zu aktuallisieren, zu denen ich mich in den vergangenen Monaten geäußert habe.


Dass die Farce um die Wiki-Liste der Deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen noch nicht ausgestanden ist, war zu befürchten. Dass die AltWikiAner daraus geradezu einen Rachefeldzug gegen Autorinnen, die ganze Phantastik-Szene und Frauen allgemein machen, war dann tatsächlich so bizarr, dass es eigentlich schon wieder komisch sein könnte, wenn es eben nicht so schwachsinnig und erschütternd wäre . – Sagt jemand, der die Fixierung auf das sog. „Generische Maskulinum“ für … schwierig hält.


Nach dem ich mich hier – im Nachklang der Leipziger Buchmesse – noch verhalten optimistisch über die Entwicklung der deutschsprachigen Phantastik geäußert hatte, kam es bald darauf zu einem Beben in der Autoren- und Verlagswelt.

Die Insolvenz des Uhrwerk-Verlags und damit auch von Feder & Schwert traf die Szene unerwartet und hart. Auch wenn „nur“ eine meiner Kurzgeschichte (in „Eis und Dampf“) bei F&S erschienen ist, so durfte ich doch die Menschen, die hinter beiden Verlagen stehen, als die wundervollsten Vertreter ihrer Art kennen lernen. Und – ja, auch hatte ich gehofft, in absehbarer Zeit mit mehr als jener einen Kurzgeschichte dort vertreten zu sein.


Die Reaktionen im Netz waren unglaublich … phantastisch:


Inzwischen steht leider fest, dass der überwiegende Teil der Mitarbeiter sich eine neue Tätigkeit suchem muss. Ich kann von hier aus – im tiefen Süden – keine große Hilfe anbieten, aber auch hier haben die Reaktionen im Netz gezeigt wie menschlich und solidarisch die Szene ist. Also, nocheinmal und auch hier: Wenn jemand Jobs für ehemalige Verlagsmitarbeiter im Kölner Raum hat – her damit. Es sind tolle Menschen!

Liebe Menschen von Uhrwerk und Feder & Schwert: Auch an dieser Stelle möchte ich mich bei euch bedanken, dafür, dass ihr seid wer ihr seid, und dass ich euch kennen darf. Und ich wünsche Euch alles, alles Gute, was immer ihr auch machen werdet. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen!


Schon zuvor hatte die Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV die gesamte Buchbranche erschüttert. Und es stellte sich im Laufe des Jahres heraus, dass dies das Kleinverlagswesen deutlich stärker traf, als es viele Insider vermuteten, und die Betroffenen befürchteten.

Über die ganze Entwicklung und die Situation der kleinen Phantastik-Verlage hat Grit Richter vom Art Skript Phantastik Verlag einen schönen Artikel verfasst, dessen Fazit ich mich nur anschließen kann: Kauft mehr Bücher!


Die Insolvenz von Feder & Schwert hat auch einige Projekte gefährdet, die spannend und wichtig sind. Inzwischen durfte bei „Roll Inclusive Diversity und Repräsentation in Rollenspielen“ Entwarnung gegeben werden. Ich freue mich darauf. Auch wenn ich – wie ich ja schon öfter erwähnt habe – mich mit Teilen der Nomenklatur nicht wirklich anfreunden kann, ein Buch, auf das ich micht wirklich freue. – Es kann inzwischen überall vorbestellt werden!


Ein anderes Projekt, das ich Euch an dieser Stelle noch einmal ans Herz legen möchte, ist „Unknown – Erzählungen unbekannter Herkunft„. Nur noch wenige Tage läuft das Crowdfunding!

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»Geile Binsen, Ey!«

Sie haben mir ein Wort geklaut! Einfach so. Das Wort ist nicht weg. Im Gegenteil: Es ist in aller Munde. Trotzdem: sie haben es mir weggenommen!

Einst versetzte jenes Wort genau jene in Angst und Schrecken, die es sich jetzt angeeignet haben. Es war ihnen Sinnbild für Unbill, für Veränderung, für eine undankbare Jugend, die alles besser weiß, was sie schon immer besser wussten.

Ihr wisst schon, welches Wort ich meine.

Alternativ!

Komisch, dass gerade in der Zeit des niemals vergessenden Netzes das Erinnerungsvermögen der Menschen so nachgelassen hat. In den Achtzigern, da waren wir die »Alternative«, und nichts, aber auch gar nichts wäre uns ferner gewesen, als mit jenen ewig gestrigen zu sympathisieren, die sich heute »Alternative …« nennen. Aber sie haben sich das Wort jetzt angeeignet … und damit ist es für mich … für uns … so irgendwie … weg … verbrannt … doppeldeutig … unaussprechbar … missverständlich geworden.

Warum komme ich jetzt damit daher? In einem Blog über das Schreiben, in dem ich mich eigentlich nicht viel über Politik auslassen möchte?

Ganz einfach: es geht um Worte. Worte verändern sich, auch wenn sie dieselben bleiben. Das passiert die ganze Zeit. Immer. Überall. Was ich gestern sagte. Was du morgen verstehst. Es wird etwas anderes sein. Ob es mir oder dir gefällt oder nicht.

Auch – und gerade – als Geschichtenerzähler muss mir das immer gegenwärtig sein. Ich sende Worte. Doch empfängst du sie auch so, wie ich sie verstanden haben möchte?

Ein Beispiel?

[…] Ich blickte auf die Szene vor mir – das Gebäude selbst, und die kargen Linienzüge der zugehörigen Gründe – auf die unwirtlichen Mauern – die blicklosen Fensteraugen – ein paar geile Binsenbüschel – die wenigen bleichen Rümpfe verstorbener Bäume – und eine solche Verödung der Seele überkam mich […]

(Aus Edgar Allen Poe, »Der Fall des Hauses Ascher«, übersetzt von Arno Schmidt, Suhrkamp Taschenbuch 1981)

Moment mal … was stand da gerade?

»Geile Binsenbüschel«

Wie bitte?

»Ey, Mann! Voll geile Binsenbüschel hier!«

Das obige Zitat stammt aus meiner alten Ausgabe von Edgar Allen Poes »Der Fall des Hauses Ascher« – übersetzt von Arno Schmidt, Suhrkamp Taschenbuch 1981. Die Übersetzung ist noch etwas älter als meine Ausgabe. Und als ich das Anfang der Achtziger las (also in jener Zeit, als wir noch die Alternativen waren, aber das nur so am Rande), dachte ich bei dem Wort »geil« nicht an cool oder toll oder super oder so. Liebe Unter-Vierzigjährige: Wurde damals etwas oder jemand als »geil« bezeichnet, so betraf dies einzig und allein Unterleibs-Angelegenheiten und war somit hochgradig unanständig. Was ich hier also las, waren »lüsterne Binsenbüschel«. Mir war klar, dass ich in diesem Zusammenhang mit meiner Interpretation falsch lag, und mangels Internets gebrauchte es eines Dudens, um die korrekte »Übersetzung« zu finden. Also hier für alle Unter-Hundertjährigen und Nicht-Landwirte: Der Duden definiert: »geil: (Landwirtschaft, Pflanzen) allzu üppig, aber nicht sehr kräftig wachsend; wuchernd.«

Arno Schmidt übersetzt die »rank sedges« durchaus korrekt. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie in einer Neuübersetzung heute noch so drin stehen würden, da die »geilen Binsenbüschel« inzwischen sogar doppelt missverständlich wären. – Ich besitze keine aktuellere Übersetzung, kann es also nicht nachprüfen, wer eine besitzt darf mich gerne aufklären.

Was bei einer (Neu-)Übersetzung unproblematisch erscheint, gar selbstverständlich ist, wird bei einem Werk in seiner eigenen Sprache schon schwieriger. Die Diskussion um Otfried Preußlers Werk, aus dem Worte wie »wichsen« und »das N-Wort«(*1) gebannt wurden, zeigte das allzu deutlich. Hier scheint mir ein Urteil zu fällen, schon schwerer, und zumindest nicht pauschel möglich.

Einerseits bin ich überzeugt, dass der Autor (m/w/d) sicherlich korrekt verstanden werden will, er/sie entsprechende Worte und Redewendungen heute sicher nicht mehr verwenden würde, und somit auch eine posthume »Anpassung«, sozusagen eine Neu-Übersetzung ins »Neu-Deutsche«, durchaus sinnvoll sein kann. Michael Ende ließ Jim Knopf noch zu Lebzeiten – in den Achtzigern (schon wieder!) – nicht mehr in ein Phantasieland namens China reisen, sondern in das Phantasieland Mandala – wobei die Aussagen, was ihn wohl dazu bewogen hat, durchaus unterschiedlich sind. Ich glaube ehrlich nicht, dass irgendjemand ernsthaft Jim Knopfs China mit dem real existierenden China verwechselt hat. Trotzdem dürfen wir von uns allen jene Sensibilität erwarten, auch nicht im Scherz davon auszugehen, in China Pferdeäpfel in Elefantensahne vorgesetzt zu bekommen. Auch ist eine sprachliche Anpassung, bei der heute missverständliche oder gar inzwischen als beleidigend aufgefasste Begriffe korrigiert werden, weder bei Preußler, noch bei Michael Ende, und auch nicht bei der Übersetzung von Astrid Lindgren, etwas, dass das Werk in seinem Kern »entstellen« würde.

Andererseits wollen wir ein Werk selbstverständlich so erhalten und lesen können, wie es vom Künstler geschaffen wurde; es nicht künstlich einem vermeintlichen und möglicherweise kurzlebigen Zeitgeist anpassen. Und kein Mensch kann ernsthaft verlangen »Huckleberry Finn« zu »entschärfen«. Das N-Wort ist hier in all seiner Kontroverse essenziell für die Verständnis des Werks.

Außerdem besteht die Gefahr, dass durch solche »Anpassungen« vergessen wird, dass jenes »geil«, »wichsen« und ja, auch das N-Wort, zu jener Zeit, als es vom Autor verwendet wurde, in den Ohren der damals lebenden Menschen anders verstanden wurde, als heute. Wenn wird das nicht akzeptieren, erschaffen wir eine Schuld, die es in jenem Zusammenhang nie gab.

Sprache verändert sich. Worte verändern sich. Sie verändert sich über die Zeit, über die Region – ein Fotzenhobel ist in Bayern nichts Unanständiges -, über das kulturelle und soziale Umfeld.

Doch Sprache verändert sich nicht nur langsam und von »unten«. Sprache wird auch bewusst verändert und manipuliert. Um ein Ziel zu erreichen, um etwas zu präzisieren, oder auch sehr oft, genau im Gegenteil: Um etwas zu verschleiern oder schönzureden.

In den Neunzigern (endlich mal eine andere Zeit) begegnete ich erstmals dem Begriff der »politischen Korrektheit« oder neudeutsch »Political Correctness«. Eigentlich war es eine gute Sache. Sie gab dem »N-Wort« den Todesstoß, da es zu diesem Zeitpunkt in einem überwiegenden Konsens als rassistisch erkannt war; und ich möchte mich nicht mehr an die zum Teil wirklich üblen Worte erinnern, die wir für behinderte Menschen gebraucht hatten. Spätestens als sich die »Aktion Sorgenkind« in »Aktion Mensch« umbenannt hatte, war klar, dass wir es wirklich besser machen können.

Nun mögen auch hier die Meinungen auseinander gehen, wie weit Sprache gebogen werden kann, ehe sie unverständlich wird oder so entstellt, dass das »Korrekte« selbst wieder beleidigend ist. Hier das Zitat einer interessanten Begegnung, hoffentlich korrekt widergegeben: »Wenn ich vor einer Treppe stehe, fühle ich mich von ihr behindert, nicht herausgefordert!«.

Jedoch gab es in den Neunzigern eine weitere »politisch korrekte Sprachreform«, die nicht von Respekt und Nächstenliebe angetrieben war. Plötzlich sprach man von »friedensschaffende Maßnahmen«, »Vorwärtsverteidigung«, »Kollateralschäden«, »Weichzielen« … die Liste lässt sich fortsetzten, die Phantasie der Menschen ist scheinbar unbegrenzt, sich das Grauen schönzureden. Auch die Wirtschaft nahm die Schönrederei begeistert auf, »setzte Frei« wo früher entlassen wurde, ist ja »Humankapital«. Und das babylonische Sprachwirrwarr, dass sich die neue Ökonomie angetan hat … Ok, lassen wir das, ist nicht unsere heutige Baustelle.

Mir zumindest war die sogenannte »Political Correctness« schon bald zutiefst zuwider. Bedeutete sie doch im besten Fall: Gut gemeint, aber schlecht gemacht; leider viel häufiger jedoch, dass »der Wolf die Kreide gefressen hatte« und jetzt ungehemmt mit schönen Worten beleidigen, angreifen und hetzen konnte.

Aber sind es nicht die Worte, die unser Denken lenken?

Nun, ich denke, dass diese zur Zeit sehr häufig zitierte These zwar nicht falsch ist, jedoch sehr irreführend.

Nicht das Wort beleidigt, sondern der Gedanke, der sich dahinter verbirgt.

In den Neunzigern hatten wir auch schon einmal eine Partei, die auf Kosten von Menschen in Not auf Stimmenfang ging. Damals hießen diese Menschen noch »Asylanten«. Dieser Begriff war schon immer so falsch wie beleidigend(*3) und verschwand deshalb auch bald aus dem Sprachgebrauch der meisten Leute. Hat es etwas gebracht? »Flüchtling« ist ein deutlich korrekteres und positiver besetztes Wort – gewesen, den kombiniert man es nur vehement genug mit Begriffen wie »Flut«, »Pack« und »kriminell«, verbrennt es wie alle anderen Begriffe zuvor.

Das ist das Problem, das jede noch so gut gemeinte »Sprachkorrektur« gemein hat: Sie übersieht gerne das Kernproblem. Ja, Sprache beeinflusst das Denken. Aber nicht so, wie es gerne angenommen wird. Es sind die Schlüsselworte, die Reizworte, die ein jegliches anderes Wort verdammen können.

Blumen sind was nettes. Was schönes. Was hübsches. Wir können nicht genug Blumen haben.

Bis dann die Blumenflut über uns hereinbricht, die Blumenseuche und heimsucht, das kriminelle Blumenpack unsere Autos klaut, überall mit seinem üblem Blumengestank uns belästigt, unseren Frauen mit deren dicken Blütenpollen Blumenkinder macht …

Ok! Genug!

Ihr versteht, was ich meine: Nimm das Wort deiner Wahl, das du jetzt für gut, für richtig, für korrekt hältst, und klebe ihm die entsprechenden Schlüsselwörter an. Das Wort wird verderben und verbrennen. Jedes Wort. Übergib es den Misogynen, den Rassisten, den Homophoben, den Menschenhassern. Und es wird für dich unaussprechlich werden.

Dabei ist das Wort noch immer das selbe.

Bist du jetzt misogyn, rassistisch, homophob, weil du es verwendet hast, oder gar noch immer verwendest?

Nein. Natürlich nicht.

Denn nicht die Worte an sich sind lobend, liebend, beleidigend, rassistisch, misogyn, sonstwas. Es ist der Redner, die Rednerin. Es ist der Gedanke und die Absicht, die dahinterstecken. Sprache ist das Werkzeug. Worte sind Werkzeuge. Als Werkzeug können sie erschaffen und zerstören, heilen und verletzen.

Es ist eigentlich ganz einfach. Jede Kommunikation benötigt drei Elemente: Den Sender, den Empfänger (die natürlich jeweils wechseln können) und die Sprache. Sie ist das Werkzeug. Und sie ist der Code, der übermittelt wird. Der Sender übersetzt seine Gedanken, Gefühle und Bilder in einen Code: Die Worte, die er spricht oder schreibt. Der Empfänger entschlüsselt diesen Code wieder, so dass bei ihm Gedanken, Gefühle und Bilder entstehen. Sprechen Sender und Empfänger nicht die selbe Sprache, funktioniert das nicht.

Nun glauben wir zwar, die selbe Sprache zu sprechen, jedoch tun wir das nicht zu 100%. Es gibt immer einen Interpretationsspielraum. Variationen, die regional, sozial, kulturell, beruflich, durch tausend weitere Einflüsse, und nicht zuletzt dadurch, dass jeder Individuum ist, eine Streuung, eine Unschärfe in der „selben Sprache“ erschaffen.

Ich spreche „ichisch“, du sprichst „duisch“.

Wenn wir uns gegenüberstehen, ist es noch relativ einfach. Du hörst meinen Tonfall, siehst meine Gestik und Mimik. Du erkennst die ganzen Nuancen der Kommunikation, von denen die Sprache – und das gedruckte Wort erst recht – nur Teile sind. Und wenn das alles nicht reicht, kannst mich unterbrechen, kannst nachfragen, nachhaken, dann können du und ich klären, was unklar ist.

Wie schwierig kann schon ein Telefonat sein. Wie unmöglich ein Brief oder Email. Wie absurd eine SMS, Twitter oder WhatsApp-Nachricht! Was bedeutet der Emoji? Ist das Zwinkern jetzt ironisch, oder anzüglich gemeint? Lacht er mich an? Oder lacht er mich aus?

Es wundert mich nicht, dass man das Gefühl bekommt, die sogenannten »Sozialen Medien« seien nur dazu da Hass, Beleidigungen, Mobbing, Missgunst zu verbreiten. Je kürzer eine Nachricht, je leichtfertiger sie versendet wird, je mehr Abkürzungen, Fremdworte, Slang und Szenensprache sie enthalten, desto mehr Interpretationsspielraum geben wir dem Empfänger, desto missverständlicher wird alles.

Ich glaube, das ist das Kernproblem. Wir alle stürzen uns in eine schlagwortbestimmte Kommunikation, erwarten von unseren Gegenüber, dass sie uns exakt verstehen und unterstellen zugleich unseren Gegenüber das Schlechteste.

Wie wäre es, wenn wir erst einmal das Beste unterstellen würden, und im Zweifelsfall lieber einmal zu oft nachfragen?

Als Geschichtenerzähler heißt das für mich, dass ich bereit sein muss, missverstanden zu werden. Und, dass ich nachfragen kann, wo ich weiß, dass ich missverstanden werden könnte.

Es bedeutet auch, dass jegliche Kommunikation die oben geschilderten drei Stationen (die Kodierung durch den Sender, den Sendevorgang, und die Dekodierung durch den Empfänger) durchläuft. Und das gilt eben auch für Geschichten, Romane, Blogs, Posts etc. Meine Geschichte ist erst erzählt, wenn sie der Leser gelesen hat. Und wie die Geschichte dann aussieht, weiß ich nicht … ich kann nur das Beste versuchen.

Gruselig, nicht?

Auch heute bleibe ich euch allen eine Lösung schuldig …

****

(*1) Das »N-Wort«: Für einige der »Voldemort« unter den Worten, für andere schon immer beleidigend und zurecht unaussprechlich(*2) wie kein zweites deutschen Wort. Die Wahrheit liegt wie so oft vermutlich irgendwo dazwischen. Mein Standpunkt: Das »N-Wort« galt bis in die 70er weitgehend als nicht-rassistisch, wer es also (mangels besseren Wissens) bis dahin verwendete, kann nicht posthum zu Rassisten gemacht werden. Aber wer – obwohl er weiß, dass es rassistisch ist, es weiterhin verwenden will, weil er oder sie es ja nicht rassistisch meinen, ist vielleicht auch kein Rassist, aber vermutlich ein Idiot.

(*2) unaussprechlich: Begegnete mir erstmals im Werk H.P. Lovecvrafts. Und in dem Kommentar eines Kritikers, der meinte, dass Lovecrafts Wortschöpfungen doch eher unaussprechbar als unaussprechlich seien. Womit deutlich wird, dass diese beiden Worte eine durchaus unterschiedliche Bedeutung haben. Eine Erkenntnis, die sich bei Werbetextern noch nicht herumgesprochen hat.

(*3) Asylant: Die Menschen, um die es geht, bitten um Asyl, können also noch gar nicht den »Status« eines »Asylanten« haben, also: falsch. Und sollte ihnen dann Asyl gewährt werden, sie auf diesen Status zu reduzieren ist beleidigend.

Ein Blick in’s Bücherregal

In der letzten Zeit reden wir oft über die Sichtbarkeit weiblicher Autoren (oder Autorinnen, wenn euch das lieber ist) in der Phantastik. Wir reden über Anzahl, Auflagen, Quoten, Wahrnehmung und die Autorinnen die fehlen: die nicht schreiben, weil sie nicht veröffentlicht werden, die nicht veröffentlicht werden, weil sie nicht verkauft werden, die nicht verkauft werden, weil sie Autorinnen, Autor (w), weiblicher Autor sind.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht an der laufenden Grundsatzdiskussion beteiligen, das ist nicht der richtige Platz dafür, sondern mache einen kleinen Selbstversuch und werfe einen Blick in mein Bücherregal, schaue mal, was da steht, was ich gelesen habe, möglicherweise in den vergangenen Jahrzehnten immer und immer wieder.

Ich möchte eines vorrausschicken – und ihr könnt es mir glauben, oder nicht – aber ich habe nie in meinem Leben ein Buch danach ausgewählt, welchen Geschlechts der Verfasser ist. – Ich habe also keine Ahnung, was mich erwartet.

Reden wir also einmal nicht über die phantastischen Autorinnen, die uns fehlen. Reden wir über die phantastischen Autorinnen, die wir haben. Die wir schon lange haben. Seit vielen Jahrzehnten.

Ja, ich muss euch enttäuschen, ich lasse jetzt alle weg, die ich persönlich kenne, die in irgend einer Weise Teil des PAN oder der aktuellen deutschen Phantastikszene sind, und auch die, die ich – ganz grob – erst in den letzten Jahren oder gar erst durch die aktuelle Diskussion für mich entdeckt habe. Wie zum Beispiel Becky Chambers oder Nnedi Okorafor, die hiermit wenigstens genannt werden.

Aber fangen wir doch mal von vorne an. oder „von früher“ sozusagen … Mit der mehr oder weniger phantastischen Literatur, die mich von Anfang an begleitet hat. Sind »Pippi« und »Ronja« nicht auch Teil der Phantastik? Ich gebe zu, dass ich Astrid Lindgrens Bücher erst später gelesen habe, lange nach dem tausendsten anschauen der klassischen Serien und Filme.

Enid Blytons »Fünf Freunde« – Ok, jetzt wird’s phantastisch grenzwertig – hatte ich zwischen acht und dreizehn (als ich schon ganz andere Bücher las) schlicht vergöttert. Kleines Detail, weshalb ich her gerne erwähne: Keiner meiner Freunde, welche die Fünf Freunde ebenfalls lasen, mochten ernsthaft Julius oder Anne, wir fanden Richard toll, aber George war unser aller Heldin, und ich war sicher nicht der einzige, der sich eine Freundin wünschte, genau so cool wie sie; gar (insgeheim?) selbst so mutig und unabhängig wie sie sein wollte. Sagt also nicht, dass Jungs keine weiblichen Helden akzeptieren – gilt auch für Pippi und Ronja, oder Sylvia und Bonnie aus Joan Aikens »Wölfe ums Schloss«, einem Roman, den ich seit meinen Teenagertagen unzählige Male gelesen habe.

Müssen wir über Joanne K. Rowling noch reden? Ok, die schiebt jetzt sicher jemand in die »Kinderbuchecke«, oder in »All-Ages«, aber ist das nicht das Genre, das für Harry Potter extra erfunden wurde? Oder Suzanne Collins? »Die Tributen von Panem« sind ist »sogar« Science-Fiction! Beide sind Weltstars, mit Riesenauflage und Verfilmungen. Soll jetzt kein Kriterium sei. Wie auch Marion Zimmer Bradley, sie wurde als Science-Fiction-Autorin bekannt, aber ich habe nur ihr Fantasyromane im Regal. Und ich kann keine Artus-Verfilmung mehr sehen, weil ich »ihre« Morgain liebe. Und, ok, Mary Shelly müsste jeder kennen, oder? Also weiter …

… weiter durch das Regal, zu den Büchern, die schon etwas vergilbt und abgegriffen sind. Und vielleicht auch etwas vergessen …

Patricia A. McKillips »Die vergessenen Tiere von Eld« gehörte lange Jahre zu meinen absoluten Lieblingsbüchern, und auch ihre »Erdzauber«-Trilogie ist mehr als einen Blick wert.

Das erinnert mich an »Erdsee«. Über Ursula K. Le Guin wurde ja in der letzten Zeit viel berichtet, und die Neuausgabe ihres bekanntesten Werks sollte nicht nur Zierde des Bücherregals sein. Man sollte sie nicht auf »Erdsee« reduzieren, aber ich gestehe, es ist ihr einziges Buch (genauer: ihre einzigen Bücher) in meinem Regal, immerhin gleich in doppelter Ausführung.

Wenn wir schon bei feministische Phantastik sind, schauen wir bei Naomi Mitchinson vorbei. Sagt der Name noch jemandem etwas? Als ich sie entdeckte, hatte ich keine Ahnung von „feministischer Phantastik“, und eigentlich hat sich das bis heute nicht geändert. Ihre »Reise durch die Zeit« erschien bei Hobbit-Presse, und da ich bei Hobbit-Presse-Bücher selten daneben lag, habe ich das Buch gekauft und gleich mehrfach verschlungen. Viel später folgten die »Memoiren einer Raumfahrerin« und weitere.

Was ist mit Tanith Lees »Das Mädchen und das schwarze Einhorn«? Jahrzehnte nach dem ich es erstmals gelesen hatte erfuhr ich, dass es Teil einer Trilogie ist. Inzwischen steht auch die Trilogie im Regal.

Auch Joy Chants »Roter Mond und Schwarzer Berg« bekam Fortsetzungen, von denen ich bis heute nichts wusste und die ich deshalb nicht gelesen habe. Gute Gelegenheit, das demnächst nachzuholen.

Anne McCaffreys »Drachenreiter von Pern« sind Klassiker der gefühlten Endlosserien – OK, ich bin nie weit gekommen, aber vielleicht hole ich auch das noch nach.

Also, Zeit mal nachzuschauen … und … Oooh!

Ein Problem, ein großes Problem, ein ganz großes Problem jener Bücher, die ich hier zuletzt nannte, ist, dass sie zu einem guten Teil nur noch antiquarisch erhältlich sind. Ich glaube jetzt nicht, dass es daran liegt, dass es Autorinnen sind, schauen wir also noch mal nach…

… und noch einmal ein langes: Oooooh!

Ich habe es jetzt mal mit ein paar Namen versucht, von männlichen Autoren in meinem Bücherregal, von denen ich annahm, dass sie eher vergriffen sind – Alfred Bester, Ian McDonald, Norman Spinrad, kennt die noch wer? – und meine Trefferquote der erhältlichen Werke ist deutlich höher als bei Patrica A. McKillip, Naomi Mitchinson oder Tanith Lee, denen ich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad in den Siebzigern bis Neunzigern zugerechnet hätte. – Zufall bei der Auswahl?

Wie geschrieben: Ich möchte hier nicht unterstellen, dass Bücher weiblicher Autoren stiefmütterlicher (darf man das noch schreiben?) behandelt werden, als die Werke ihrer männlichen Kollegen. Oder dass die Werke von Autorinnen schlechter behandelt werden, weil sie Autorinnen sind. Aber eine kurze Recherche genügt, um festzustellen, dass viele Bücher dieser Autorinnen nie übersetzt wurden. Von vielen der oben genannten Büchern wusste ich nicht mal, dass sie Teil eines Zyklus sind, oder eine Fortsetzung bekamen. Sie wurden auch meies Wissens nach nie in dieser Form beworben, und somit hatte der serienaffine Phantastikleser (m/w/d) nie die Chance, sie als Zyklus zu erkennen und zu wollen und zu vervollständigen. Und kann es ernsthaft sein, dass Anne McCaffreys gesamte »Pern«-Saga auf deutsch zur Zeit nur noch als E-Book erhältlich ist? Ja – noch einmal – viele dieser Bücher sind Klassiker, Weltliteratur, wenn ihr so wollt, und wurden offensichtlich seit Jahren auf deutsch nicht mehr nachgedruckt.

Ihr seht, ein kleiner Blick ins eigene Bücherregal kann interessante Erkenntnisse hervorbringen. Macht es doch auch einmal …

Ich habe mich auf ein paar »Klassiker der phantastischen Weltliteratur« konzentriert, die mir ins Auge gestochen sind, und nicht alle erwähnt, die im Regal stehen. Ich habe die Autorinnen von »Das Schwarze Auge« weggelassen, und ich habe wie gesagt alle weggelassen, die mehr oder weniger »neu« sind, also in den letzten zehn, fünfzehn Jahren dazukamen. Und dort finden wir dann auch endlich die deutschen Autorinnen.

Denn das ist tatsächlich etwas, das mich bei meinem kleinen Blick ins Bücherregal zunächst erstaunte: denn der Anteil der deutschen Autorinnen in dieser Kategorie liegt tatsächlich bei NULL. Nun schenkt mir ein erneuter Blick ins Regal – nämlich auf die deutschen Klassiker der Phantastik, Subkategorie männlicher Autor – ein wenig Erleichterung, denn dort sieht es in meinem Bücherregal auch nicht viel besser aus. Ok, wir haben Michael Ende und Ottfried Preußler, aber das ist ja schon wieder das viel geschmähte »Reservat der phantastischen Kinderliteratur«. Und wenn ich jetzt weiter suche gelange ich in der einen Richtung schnell zu E.T.A Hoffmann, in der anderen wartet schon Wolfgang Hohlbein, und dann ist es nicht mehr weit zu Cornelia Funke, ja auch wir haben Autorinnen mit Welterfolg und Verfilmung. Aber deutsche Phantastik-Autor*innen der fünfziger bis achziger Jahre, da sieht es wirklich düster aus, zumindest in meinem Bücherregal. Und da spielt das Geschlecht offenbar keine Rolle.

Aber wir wollten ja über die weiblichen Autoren reden, und nicht über die deutschen, und hier muss ich als Fazit dieser kleinen Suche erkennen, dass der Anteil der Werke weiblicher Autoren tatsächlich geringer ist, als ich zuvor dachte, und sicher auch geringer als in meinen Jugendtagen (also der Anteil!). Wobei das auch meiner Neigung zur Vervollständigung von Serien geschuldet ist, und der teilweisen Unmöglichkeit, dies bei einigen der oben genannten Werken auch umzusetzen.

Aber das ändert sich – hoffentlich. Nein, eigentlich mache ich mir darüber gar keine Sorgen, denn es ändert sich ja jetzt schon. Denn wenn ich eben jene Bücher hinzunehme, die in den letzten Jahren hinzugekommen sind, die Bücher von Kolleginnen, die mir lieb und teuer sind, auch die Bücher, die mir in der laufenden Diskussion ans Leserherz gelegt wurden, dann sieht es zumindest in meinem Bücherregal schon wieder anders aus.

Aber verlangt von mir jetzt nicht, dass ich es jetzt abzähle. Denn …

Und das ist vielleicht das Wichtigste.

… die Bücher stehen bei mir nach Namen sortiert im Regal – nach Nachnamen!

Ok, ich habe die Sachbücher aussortiert, zumindest wenn sie von Nicht- Belletristikern geschrieben wurden, und auch Serien wie »Das Schwarze Auge« und Verlagsreihen, wie auf dem unteren Bild, stehen separat.

Aber ich habe meine Bücher ansonsten nicht nach Genre sortiert, nicht nach Erscheinungsjahr, nicht nach Farbe, Größe (Ok, wenn es nicht reinpasst), Seitenzahl und am allerwenigsten nach dem Geschlecht des Autors (hier eindeutig als Titel, als Tätigkeitsbeschreibung zu sehen!), sondern nach dem Nachnamen. Und das war schon immer so.

Ehrlich gesagt verstehe ich es nicht. Gibt es wirklich Leute, die die Geschichten, die sie Lesen wollen, nach dem Namen des Autors, nach dessen Geschlecht, Herkunft, Haar- oder Hautfarbe, nach dessen Alter oder sexuellen Präferenzen oder sonst irgend etwas, das mit der Geschichte überhaupt nichts zu tun hat, auswählen?

Übrigens … kurze Einlage: In diesem Zusammenhang bin ich auf dieses Crowdfunding-Projekt gespannt: Unknown – Erzählungen unbekannter Herkunft. – Brauchen gute Geschichten den Namen ihrer Autorin oder ihres Autors? … schaut es euch mal an, unterstützt es und macht mit!

Und … OK … gleich noch eine Abschweifung! (Ja! Das hat mit der Geschlechterfrage bei den Autor*innen jetzt wirklich nichts zu tun – Männer schreiben Frauen und Frauen schreiben Männer und alle schreiben alles, das soll so sein.) Weil ich es einfach nochmal sagen will: Hat es wirklich je eine Rolle gespielt, ob ich mit der Roten Zora auf Abenteuer ging, oder mit Huckleberry Finn? – (Beides übrigens Figuren von männlichen Autoren). Und Ronja und Georgina waren mir über Jahrzehne so treue Freundinnen, wie es Onyesonwu und Kilianna (Ha! Jetzt habe ich dich auch noch untergebracht) hoffentlich noch werden.

Jetzt habe ich viel über die phantastischen Autorinnen geredet, die wir haben. Was ist mit jenen, die wir nicht haben?

Nun, die phantastischen Autorinnen, die wir nicht haben, sind die, die wir noch bekommen. Es sind viele. Freuen wir uns darauf.

Man liest sich …

P.S: Kleiner Selbstversuch gefällig? Wie sieht es denn bei euch im Bücherregal aus?

Schatten … Schatten …

Während draußen Frühling ist, ich DRINGEND mehrere Exposès fertigstellen sollte, die eigentlich – versprochen! – schon seit Wochen abgeschickt sein sollten, ich jedoch daran gehindert werde, da die Umstände – privat und brotberuflich – mir – ebenfalls seit Wochen – kaum Zeit dazu lassen, – weswegen ich auch mehrere schon fast fertige Blogbeiträge auf St.-Nimmerlein verschiebe, jetzt schon die ersten Verspätungsmeldungen der Deutschen Bahn für meine Reise nach Köln eintrudeln, auf die ich mich riesig freue – leider werde ich aber wohl nicht pünktlich zum Auftakt beim PAN-Branchentreffen eintreffen – und meine Motivation überhaupt irgend etwas zu machen, inzwischen deutlich unter Null stürzt …

Schatten! … Schatten über Schatten! … Schatten überall! … Schatten über …

… trudelt gerade ein Päckchen auf meiner Türschwelle ein!

„Schatten über Camotea – Die Wächter Chroniken“ sind da! Endlich könnt ihr den „Hort der Drei Sonnen“ auch auf Papier lesen. Mein Dank geht an alle Mitautoren und die Macher und Camotea-Weltenerschaffer Christian Kopp und (ganz besonders an) Henning Mützlitz, der hartnäckig genug war, dieses Werk doch noch zu vollbringen!

„Schatten über Camotea“ sollte ab sofort überall erhältlich sein, wo es Bücher (zu bestellen) gibt.

Ich glaube, ich werde den Rest des Tages doch besser damit verbringen, mit Freunden in der Abendsonne zu sitzen, und mache mich dann morgen wieder ans Werk.

In diesem Sinne … man liest sich.

Wohin?

Nach Leipzig.

Vergangene Woche war Buchmesse in Leipzig. Ich war Donnerstag und Freitag dort, genoss die Atmosphäre, traf auf viele großartige Menschen und dezimierte die Kaffee-Vorräte in der PAN-Autoren-Lounge.

Leider konnte ich auch dieses Jahr nichts schriftstellerisches zur Messe beitragen, doch die Freundschaftspflege, und das, was man wohl so als »netzwerken« bezeichnen kann, ließ die Tage nicht langweilig werden.

Am Samstag ging es wieder nach Hause und schon hat mich der Alltag im »nicht-schreibenden-Leben« zurück, mit all seinen Höhen und bedauerlicher Weise aktuell überwiegend … Tiefen.

Zu meiner Überraschung war das Thema, das die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen umtrieb, weder die Urheberrechtsreform (wird von den meisten, obwohl selbst Urheber, in dieser Form schlichtweg als Desaster angesehen), noch die in den »Sozialen Medien« omnipräsente Vielfältigkeits-, Repräsentations- und Geschlechterdebatte(* siehe unten) (was selbstverständlich nicht heißen soll, dass das Thema nicht weiter brennt wie wenig anderes!), und auch die Löschung der Wikipedia-Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen beherrschte nicht alle Unterhaltungen.

Tatsächlich ging es in vielen Unterhaltungen irgendwann um die allgemeine Situation in der Buchbranche, speziell in der deutschen Phantastik.

Allgemein wurde festgestellt, dass die Phantastik wieder stärker zum Nischenmarkt wird – PAN, Seraph und Phantastik-Bestenliste zum trotz-, und dass eine Veröffentlichung bei einem großen Publikumsverlag inzwischen auch kein Garant für nennenswerte Verkaufszahlen ist.

Ich stellte vor einigen Jahren die Prognose, dass sich der Buchmarkt ähnlich entwickeln wird, wie in der Musikbranche schon geschehen. Die inzwischen auch nicht mehr so »Neuen Medien« ziehen Zeit und Geld zu sich, und die durch die zunehmende Digitalisierung entstandene Entwertung der »Ware« (»Eine digitale Kopie nimmt ja niemandem etwas weg!«) führte im Musikmarkt schon zur Jahrtausendwende zu einem Umsatzeinbruch (vor 20 Jahren brauchte ein Künstler 250 000 Plattenverkäufe für eine »Goldene Schallplatte« inzwischen reichen 100 000). Die großen Plattenfirmen konzentrierten sich lieber auf eine Handvoll internationaler Popsternchen für den Werberadio-Dudelfunk (Entschuldigung, hier will ich gar nicht objektiv sein!) und versorgen den Musikfan alten Schlags mit der hundertsten »Limited-Edition-Remaster-Collectoin-Fan-Box« seiner Lieblingsband.

Der Rest der Musikszene lebt bei Klein- und Kleinstlabels, oder gleich in der Selbstvermarktung. Doch wer die Augen und besonders die Ohren öffnet, stellt fest, dass sich die »echte« Musikszene zwar in unzählige Subgenre-Schubladen verzogen hat, jedoch vielfältig und qualitativ hochwertig wie nie ist. Ich finde heute in den von mir bevorzugten Genres so viel gute, neue Musik, dass ich permanent vor der Qual der Wahl stehe. Nur sind es eben Nischen, die in der sogenannten »breiten Öffentlichkeit« nicht mehr stattfinden. Und – das ist das größere Problem – kaum noch einer dieser Künstler kann von seiner Arbeit leben, geschweige denn … reich werden.

Nun erleben wir eben vergleichbares in der Buchbranche. Gestern Socken im Zehner-Pack »One-Size-Fits-All«, dann der »Millennial Whoop« für alle zum mitgröhlen, morgen Tütensuppen »One-Taste-Pukes-All«, dazwischen kümmert sich die Karawane der Betriebswirte um die Publikumsverlage, macht auch sie Markkonform, macht »Internationale Bestseller« für alle, und wer das »wahre Leben« liebt, bekommt B-, C-, und D-Promi-Bios von der Stange. Ansonsten wartet man auf »The-Next-Big-Thing«, weil Harry Potter und Twilight, das kann es doch nicht schon gewesen sein.

Oh, auch ich hätte gerne die ledergebundene Luxusausgabe des »Herrn der Ringe« , und die Neuausgabe von Ursula Le Guins »Erdsee« leuchtet im Bücherregal, fast zu schön um sie zu lesen.

Aber es sind heute die tausend Klein- und Kleinstverlage sowie unzählige Selfpublisher, die sich um den Rest – den Nicht-Mainstream – kümmern. Und das machen sie inzwischen verdammt gut. Wenn ich heute über die Buchmesse oder über den BuCon schlendere, bin ich begeistert, wie viele wunderschöne und auch handwerklich phantastisch gemachte Bücher ich sehen – und lesen darf. Vorbei die Zeit, als Kleinstverlag gleichbedeutend war mit schlecht lektoriert, Flattersatz, und augenkrebserzeugenden Buchumschlägen – Titel und Autor in »Comic-Sans«.

Alles prima also? Nein. Denn diese veränderte Welt trifft die Autorenschaft vielleicht noch etwas härter als die Musikszene. Immerhin können sich viele Bands bei Konzerte ein kleinen Teil dessen zurückholen, was sie bei den Album-Verkäufen verloren haben. Und so schaffen es doch einige ins Profi-Lager auf Harz-4-Niveau, die es sonst nicht soweit geschaft hätten. Natürlich gibt es auch in der Autorenschaft begnadete Vorleser, jedoch werden Lesungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie den Stellenwert eines Live-Konzerts haben. Und sowohl Musiker, als Autoren, versuchen sich inzwischen mit unterschiedlichem Erfolg an Crowdfunding oder Patreon. Aber auch das wird nicht für alle reichen. Und jetzt schon bemerken wir gerne, dass die Autoren-Kollegenschaft einen unangenehm bedeutsamen Anteil an unseren Buchverkäufen ausmacht – kauf ich deins, kaufst du meins … Das Problen bleibt: Der Kuchen schmekt noch immer lecker, aber er wird kleiner …

Sowas wie ein Fazit? Ich glaube an die Szene. Allen Unkenrufen zum Trotz bin ich überzeugt, dass es noch nie so viele gute und auch gut gemachte Geschichten, Romane, Anthologien in der deutschen Phantastik gab. Aber die Welt verändert sich – und nicht nur zum Guten, nein beileibe nicht. Der Buchmarkt schrumpft weiter, eingezwängt zwischen Netflix und Instagram und »allzeit bereit im Job«. Und die Phantastische Literatur ist eine Nische im schrumpfenden Buchmarkt, die deutschsprachige Phantastische Literatur ist eine Nische in der Nische im schrumpfenden Buchmarkt. Auch wenn diese Nische ist bunt ist, und lebendig wie nie.

Als Leser mache ich mir da keine Sorgen …

… und als Autor?

Wohin?

Ich weiß es nicht.

Die nächsten Jahre bleiben spannend.

Sorry, dass ich Euch die Lösung schuldig bleibe.

Nicht in Leipzig eingekauft (mit dem Zug unterwegs), sondern bei der Buchhändlerin meines Vertrauens gleich nach der Messe bestellt … Weitere folgen …

(*) Verzeiht mir, aber mir sind Begriffe wie »Diversity«, »Gender« etc. herzlich unsympathisch. Ich habe kein Problem darin, wenn ihr sie verwendet, ich verstehe sich auch – nach dem in den einen oder anderen Begriff recherchiert hatte – aber ich versuche sie zu vermeiden. Warum? Nicht zuletzt, weil es in einer Diskussion (u.A.) um die deutsche Sprache von Vorteil wäre auch deutsche Begriffe zu verwenden. Das hat nichts mit »Deutschtümelei« zu tun. Aber wenn man Menschen erreichen will, dann sollte man ihre Sprache sprechen, und nicht von ihnen verlangen, die selbst verwendeten (Fach-)Begriffe zu erlernen, zumal ja genügend eindeutig und allgemein verständliche Worte vorhanden sind. Und nicht zuletzt: Stellt euch vor, wir hätten konsequent von »Geschlechter- Reprästentation«, »Geschlechter-Gerechtigkeit«, »Geschlechter-Wahrnehmung« etc. gesprochen. Die »Ewig-Gestrigen« könnten nicht aufschreien: »Genderirrsinn! Wir werden alle gegendert! Ich will nicht gegendert werden!«. Wie würde sich das anhören: »Geschlechterirrsinn! Wir werden alle geschlechtert! Ich will nicht geschlechtert werden!«

Achtung! Drachen!

Das Mädchen war schmutzig. Es starrte geradezu vor Dreck, von der Nasenspitze bis zu den Zehen; auch die beeindruckend langen Haare machten da keine Ausnahme, sie waren zerzaust und verfilzt und Zweige und Laub hatten sich darin verfangen. Das Mädchen war so außergewöhnlich schmutzig, dass Tore erst gar nicht bemerkte, dass es nicht nur schmutzig war, sondern auch splitterfasernackt. Es stand mitten auf dem Waldweg und sah Tore neugierig an.

Tore glotzte zurück. Er hatte in den letzten Monaten viele schmutzige – wenn auch nicht so konsequent lückenlos schmutzige – und viele nackte – wenn auch selten so völlig ohne einen Hauch von etwas Kleiderartigem nackte – Menschen gesehen. Zuletzt in dem Dorf, durch das er vorgestern gekommen war. Die meisten dieser Menschen hatten geweint und geklagt und gefleht. Oder sie hatten Tore stumm und aus leeren Augen angesehen; manche dieser Augen waren nicht nur leer, sondern auch so tot wie der Rest von ihnen gewesen.

[…]

Aus „Familienbande“ von Stefan Schweikert

Im vergangenen August durfte ich für Dominik SchmellersDrachenzirkel“ in München lesen, und wurde dazu noch eingeladen, eine drachige Geschichte für die kommende Anthologie zu schreiben.

Jetzt ist das Buch erschienen, am vergangenen Samstag war Premierelesung (an der ich leider nicht teilnehmen konnte) und heute sind meine Exemplare gekommen. Schön, mal wieder etwas neues von mir gedruckt zu sehen …

Die „Familienbande“ spielen übrigens in der selben Welt, wie schon „Nebelsee“

Drachenmär gibt es vorerst nur bei den Lesungen des „Drachenzirkels“, oder fragt bei den beteiligten Autorinnen und Autoren nach.



Utopia? Dystopia!

Ich kann keine Utopien schreiben.

Nein, kann ich nicht. Ich bin eher so der Dystopien-Typ, wenn es um Science-Fiction und so geht. Utopie würde ich gerne, kann ich aber nicht … leider.

Auf dem PAN-Branchentreffen 2018 besuchte ich einen Workshop zum Thema Phantastik und Technologie. Eigentlich sollte es um Überlegungen gehen, wie „Was wäre, wenn die Hobbits Handys gehabt hätten“, oder ganz allgemein um das Einbringen technologischer Visionen in die Fantasy. Schnell entstand jedoch eine Grundsatzdiskussion zur Frage, warum Phantastik-Autoren technischen Fortschritt in der Mehrzahl skeptisch bis negativ behandelten, und ob es denn für uns keine »technologischen Utopien« mehr geben würde. Nun möchte ich diesen Thema noch einmal aufgreifen.

Ich mag Star Trek. Wirklich! Und Star Trek ist zweifellos – zumindest in der klassischen Serie und noch mehr zur Zeit der Next-Generation – eine Utopie. Gene Roddenberys Vision mag heute an der einen Ecke etwas blauäugig und an der anderen etwas zu amerikanisch wirken, und ich glaube auch, sie ist das Musterbeispiel für die Diskrepanz zwischen Vision und Realität.

In Star Trek hat die Menschheit den Krieg und den Hunger überwunden, es gibt eine Weltregierung, man ist Teil einer Föderation der Planeten, und das Raumschiff Enterprise ist – wenn auch wehrhaft – ein Forschungs- und ganz gewiss kein Kriegsschiff. Ein Schlüssel zu dieser Entwicklung ist bei Roddenberry und seinen Nachfolgern die Entwicklung des Replikators, eines Geräts, das aus fast nichts, – fast – alles herstellen kann, was man ihm einmal beigebracht hat. So ist in dieser Zukunft Geld unnötig geworden, die Menschen müssen nicht mehr arbeiten, um zu überleben, und können sich dem Guten und Edlen widmen, den Künsten und der Forschung. Weil der Mangel beseitigt ist, weil es genug von allem und für alle gibt.

Eine schöne Vision, eine wunderbare Utopie, ich liebe sie. Wenn wir doch einen Replikator hätten …

… und wenn der Mensch nicht – so sehr – Mensch wäre.

Schauen wir zurück in die letzten Jahrhunderte Menschheitsgeschichte: Der mechanische Webstuhl hat das Leben der Weber nicht besser gemacht, sondern arbeitslos. Trotz Wandels der bäuerlichen Landwirtschaft zur Agrarindustrie mit gewaltiger Überproduktion hungern weiterhin weltweit die Menschen. Die Möglichkeit der globalen Kommunikation hat uns nicht klüger gemacht und lässt uns auch nicht näher zusammenrücken, sondern ist zu einem Verblödungsmedium mit angeschlossenem Webshop verkommen, auf dem Katzenvideos noch das Beste sind, da sie den Menschen (so nicht Katzenhasser) wenigstens für einen Moment lächeln lassen. Und ja: Ihr dürft Euch gerne fragen, wie schizophren ich bin, da ich das gerade hier veröffentliche.

Und deshalb fürchte ich, dass, wenn morgen jemand Roddenberrys wunderbaren Replikator erfinden würde, die Welt sich nicht zum besseren wandeln würde, sondern noch schneller in die Katastrophe schreiten. Weil der Replikator jemandem gehören würde. Jemandem, und nicht allen. Weil jener, dem er gehört, damit auch Profit machen wollte. Und wenn nicht jener selbst, so jemand in seiner Nähe, jemand, der ihn an sich reißt, um ihn für sich zu nutzen. Und weil der überwiegende Teil der Menschheit dies auch gerecht finden würde, dass der Replikator jemandem gehörte und nicht allen. Wo kämen wir den dahin, wenn jeder »umsonst« von der Leistung einen anderen profitieren könnte? Alles muss jemandem gehören! Und wenn es schon nicht mir gehört, dann erst recht nicht dem »Anderern«, der es erst recht nicht verdient hat! Wie schon der Webstuhl, der Acker und das Saatgut und das Internet und bald auch das Wasser und unsere Gene und vielleicht auch mal die Luft und unser Leben, und …

… ihr seht schon: Dystopien fallen mir offensichtlich leichter, als Utopien zu erschaffen, …

… technologische Utopien zumindest. Denn – und das ist wirklich wichtig! – nicht der Webstuhl, das Saatgut, das Internet oder der Replikator sind böse oder schlecht. Sie sind auch nicht gut. Nein! Sie sind jenseits davon, sie sind vom Menschen geschaffene Werkzeuge, mit denen er sein Leben gestaltet.*

Jedoch habe ich den Eindruck, dass der Mensch über die Jahrhunderte hinweg fortwähren bewiesen hat, dass er auf der Suche nach seinem persönlichen Paradies, das Paradies aller anderen möglichst gründlich verwüsten muss. Und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Natürlich gibt es auch Gegenargumente. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg schien die Menschheit entschlossen, sich auf ihre Gemeinsamkeit zu besinnen, Menschenrechtscharta und das vom mir so gerne zitierte Grundgesetz zeugen davon. Und natürlich hat der technische Fortschritt den Menschen Gutes gebracht, sie gesünder und satter und in gewissem Ramen auch klüger gemacht, zumindest wenn sie wollen … und wenn sie auf der richtigen Seite der Welt geboren wurden. Keiner will ernsthaft zurück ins Mittelalter, oder in die Steinzeit. – Auch die nicht, die noch immer wie im Mittelalter leben müssen, oder in die Steinzeit zurückgebombt wurden.

Offensichtlich: Ich kann keine Utopien schreiben.

Keine technologischen Utopien, zumindest. Vielleicht auch ganz einfach, weil es überhaupt keine technologischen Utopien gibt und es sie auch nie gab! Weil Technik ein Werkzeug ist, der Hammer wie das Gedicht, das Penicillin wie auch die Bomben und der Müll. Und das Werkzeug kann den Nutzer des Werkzeugs nicht ändern. Nicht zum Guten, nicht zum Schlechten. Das Werkzeug kann ihm schaden und nutzen, meist schadet er damit lieber anderen. Nehmt ihm die Waffen weg! Aber es ist immer der Nutzer, nicht das Werkzeug.

Wenn es keine technologischen Utopien geben kann, dann kann es nur menschliche Utopien geben.

Und wenn man es so sieht, dann ist jede Geschichte, in der das Gute das Böse überwindet, in der Gerechtigkeit geschaffen, Gnade gewährt, Liebe gewonnen, Freundschaft geschlossen, Leben geboren, und gemeinsam gelacht wird, eine Utopie.

In diesem Sinne auf ein utopisches Jahr 2019

Euer Stefan

P.S.: Ich habe nicht das Gefühl. dass dieser Text fertig ist, werde mir also erlauben, ihm, wenn nötig, zu ergänzen und anzupassen.

*Anmerkung zum Werkzeug: Auch die Sprache ist nur ein Werkzeug und hat kein Bewusstsein, kein Eigenleben, auf wenn man es der Sprache gerne zuschreibt. Und so kann auch die Sprache nie ansich/von sich aus/ in sich selbst(!) gut, böse, rassistisch oder sexistisch sein kann. Es geht immer darum, wie jemand etwas meint, und wie jenes von der Gegenseite verstanden wird. Dies ist das Geheimnis der Kommunikation. Und da ich Euch alle, die bis hier her gelesen haben, für kluge und verständige Menschen halte, gehe ich auch davon aus, dass Ihr den Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht kennt. Danke!

Tschüss 2018! Hallo 2019!

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So, das Jahr 2018 ist fast vorüber, und ich nutze die Ruhe von dem Knall, um Euch allen ein schönes, gesundes und friedliches Neues Jahr 2019 zu wünschen.

Eine Jahresrückblick spare ich mir. Viel wollte ich hier schreiben, über das Leben, das Schreiben und den ganzen Rest. Aber da ich es bis jetzt nicht getan habe, fange ich kurz vor Schluss nicht mehr damit an … nächstes Jahr mache ich es besser. Nicht versprochen, denn ich kenne mich …

Ich hoffe wirklich, dass ihr nächstes Jahr mehr von mir zu Lesen bekommt. Einige Kurzgeschichten sind entstanden, ein paar sind nicht genommen worden, für die Anthologien, für die ich sie geschrieben hatte. Andere werdet ihr in der einen oder anderen Form zu lesen, oder auch zu hören bekommen.

Auch zu einem neuen Roman gibt es noch nichts zu berichten. Ich schreibe – wenig, viel zu wenig, aber ich schreibe.

Hier zumindest ein kleiner Ausblick auf das was kommt:

Cover Drachenmaer Anthologie_Drachen

Also auf nach 2019!

Wie lesen uns!

Euer Stefan

Wenn die Worte fehlen …

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Ich weiß, ich weiß, ich habe hier schon eine Ewigkeit nichts mehr gebloggt und bin von meinem Plan, hier wenigstens einmal im Monat etwas zu schreiben, weiter entfernt, als je zuvor.

Es gäbe viel zu sagen, viel zu schreiben, Stellung zu beziehen, Haltung und Gesicht zu zeigen … dieses Land und diese Welt verändern sich – und das nicht wirklich zum Guten. Geister und Dämonen, die zwar nicht vernichtet, jedoch gebannt, gar gezähmt schienen, spucken die Kreide aus, die sie gefressen hatten, und angelockt von den schrillen Tönen der geifernden Flötenspieler, verfallen die Menschen willig in einen Tanz an Marionettenfäden und jubeln jenen zu, die nur Verachtung für sie empfinden, diese Narren …

Ja, ihr wisst, wovon ich schreibe. Und meine Haltung dazu hat sich nicht geändert, nicht seit 2015 und auch nicht davor oder danach.

Ich glaube nicht, dass ich ein „guter Deutscher“ bin oder gar sein will. Nation ist etwas, das die meisten vom kosmischen Würfelspieler zugeteilt bekommen, es ist also nichts, auf das man „stolz“ sein kann, zumindest nicht, wenn man „Stolz“ als etwas betrachtet, das sich auf eigene Leistungen oder Verdienste beziehen sollte. (Einwurf: Wobei ja jene, die sich aktiv darum bemühen, zu einer Nation zu gehören, also Einwanderer, die einzigen sind, die auf ihre „neue Nationalität“ tatsächlich stolz sein dürften.)

Aber ich glaube, dass es doch etwas gibt, über das wir uns in diesem Land freuen können, und auf das wir sogar ein bisschen stolz sein können, auch wenn es nicht wir, sonder unsere Eltern und Großeltern und Urgroßeltern waren, die es geschaffen haben:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

[Quelle]

Es ist doch wunderbar, was hier, ganz vorne, als Artikel 1 des Grundgesetztes steht. Und seht einmal genauer hin …

„Die Würde des Menschen …“ steht da! Nicht die Würde des Deutschen, nicht die Würde des Weißen, des Mannes, des Gesunden, des Heteros, des was weiß ich auch immer. Und das „Deutsche Volk“, also genau ihr, ja, ihr genau, die ihr doch immer so betont, „deutsch“ zu sein – was immer das auch ist oder sein soll, ich kann vielleicht schwarz, gelb, rot, groß, klein, mann, frau, beides oder anders oder ohne Haare sein, aber das ist ein Gen in meinem Menschsein, das Deutschgen ist mit nicht bekannt – und auch ihr und ich, die wir doch immer so betonen, dass uns Nation am Allerwertesten vorbei gehen, auch uns gelten diese Sätze: „Wir bekennen uns zu den unverletzlichen und unveräßerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt!“

Welch schöne Worte. Voller Hoffnung und Respekt. Wäre es nicht wunderbar, sie zu leben, zu achten und zu verteidigen?

UND IHR GRÖHLT: „LASST SIE ABSAUFEN!“

Ihr lasst mich sprachlos werden …

Natürlich gab es noch anders, über das ich gerne viele Worte verloren hätte. Nicht erst seit dem PAN-Branchentreffen 2018 mit seinem Motto „Träumen Androiden von Freiheit? – Über Gesellschaft und Politik in der Phantastik“ sind die Themen Rassismus, Sexismus, Gendergerechtigkeit, Diversität etc. in der Phantastikszene omnipräsent.

Ich hatte hierzu schon vor dem Treffen im April einen kleinen Blogartikel angefangen, aber nie vollendet. Worüber ich anschließend sogar froh war. Ich musste – wie gesagt – feststellen, dass dieses Thema weit kontroverser diskutiert wird, als ich es mir je vorstellen konnte, und nicht nur einmal habe ich das Gefühl, dass das Thema zu oft zur Nabelschau verwendet wird und man sich lieber darüber die Köpfe heißredet, wer von den „Guten“ denn nun der bessere und richtige „Gute“ ist und ob der schlechtere „Gute“ denn nicht gar schlimmer als der „Böse“ ist, anstatt das Übel zu benennen und sich zu fragen, wie man sich dem (als Phantastik-Autor) stellen kann.

Wie gesagt: Hierzu werde ich sicher noch etwas schreiben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Aber – wie gesagt, ich wollte ja über meine Sprachlosigkeit sprechen und habe darüber jetzt viele Wort verloren.

Ach ja: Ich schätze, dass ich in den nächsten Wochen/Monaten noch mit drei Kurzgeschichten beschäftigt sein werde, die ich versprochen habe, zu schreiben. Dann wende ich mich wieder intensiver meinen Romanprojekten zu. Es geht also – langsam – weiter.

Und dann möchte ich euch nochmal auf einen Termin hinweisen: Am kommenden Samstag, den 11. August lese ich beim Drachenzirkel in München. Ich werde einige vergangene und kommende Projekte vorstellen:

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Ist denn schon wieder Frühling?

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Eigentlich habe ich mir ja vorgenommen, hier wenigstens einmal im Monat etwas zu schreiben. Aber die Zeit rast dahin und ich habe die Rückschau auf das vergangene Jahr genau so verpasst, wie den Ausblick auf 2018.

Und so ist es wieder März geworden.

Nächste Woche fahre ich nach Leipzig. Ihr könnt mich am Donnerstag und Freitag auf der Buchmesse finden. Vermutlich trinke ich zu viel Kaffee in der Autorenlounge des PAN, oder lausche auf der Leseinsel Fantasy jenen, die ihre Geschichten sowohl vollenden, als auch verkaufen können. Im Gegensatz zu mir. Denn auch dieses Jahr komme ich wieder ohne konkrete Projekte in der Tasche, geschweige denn einem Buch, das ich vorstellen darf.

Trotzdem freue ich mich darauf, nette Leute zu treffen, anregende Gespräche zu führen, und in den ruhigen Momenten Ideen zu sammeln – das Aufeinandertreffen von kreativen Menschen scheint tatsächlich Unmengen von »Insprationspartikeln« (Terry Pratchett) freizusetzen, die nur darauf warten, sich in einem Kopf festzusetzen.

Die Ideen, die ich auf der Bahnfahrt zur und von der vergangenen Leipziger Buchmesse notiert habe, haben mich im letzten Jahr viel beschäftigt – auch wenn ich es, wie oben geschrieben, nicht geschafft haben, sie in eine Form zu bringen, in der ich mit ihnen bei Verlagen und Agenten hausieren gehen könnte.

In den letzten Wochen habe ich mich dann auf ein paar Kurzgeschichten konzentriert. Eigentlich wollte ich zwei davon bis zum Ende des Monats bei Ausschreibungen einreichen, jetzt muss ich mich sputen, wenigstens eine davon fertig zu bekommen.

Und daran werde ich mich heute noch ein, zwei Stunden setzen.