Prokrastination

Utopia? Dystopia!

Ich kann keine Utopien schreiben.

Nein, kann ich nicht. Ich bin eher so der Dystopien-Typ, wenn es um Science-Fiction und so geht. Utopie würde ich gerne, kann ich aber nicht … leider.

Auf dem PAN-Branchentreffen 2018 besuchte ich einen Workshop zum Thema Phantastik und Technologie. Eigentlich sollte es um Überlegungen gehen, wie „Was wäre, wenn die Hobbits Handys gehabt hätten“, oder ganz allgemein um das Einbringen technologischer Visionen in die Fantasy. Schnell entstand jedoch eine Grundsatzdiskussion zur Frage, warum Phantastik-Autoren technischen Fortschritt in der Mehrzahl skeptisch bis negativ behandelten, und ob es denn für uns keine »technologischen Utopien« mehr geben würde. Nun möchte ich diesen Thema noch einmal aufgreifen.

Ich mag Star Trek. Wirklich! Und Star Trek ist zweifellos – zumindest in der klassischen Serie und noch mehr zur Zeit der Next-Generation – eine Utopie. Gene Roddenberys Vision mag heute an der einen Ecke etwas blauäugig und an der anderen etwas zu amerikanisch wirken, und ich glaube auch, sie ist das Musterbeispiel für die Diskrepanz zwischen Vision und Realität.

In Star Trek hat die Menschheit den Krieg und den Hunger überwunden, es gibt eine Weltregierung, man ist Teil einer Föderation der Planeten, und das Raumschiff Enterprise ist – wenn auch wehrhaft – ein Forschungs- und ganz gewiss kein Kriegsschiff. Ein Schlüssel zu dieser Entwicklung ist bei Roddenberry und seinen Nachfolgern die Entwicklung des Replikators, eines Geräts, das aus fast nichts, – fast – alles herstellen kann, was man ihm einmal beigebracht hat. So ist in dieser Zukunft Geld unnötig geworden, die Menschen müssen nicht mehr arbeiten, um zu überleben, und können sich dem Guten und Edlen widmen, den Künsten und der Forschung. Weil der Mangel beseitigt ist, weil es genug von allem und für alle gibt.

Eine schöne Vision, eine wunderbare Utopie, ich liebe sie. Wenn wir doch einen Replikator hätten …

… und wenn der Mensch nicht – so sehr – Mensch wäre.

Schauen wir zurück in die letzten Jahrhunderte Menschheitsgeschichte: Der mechanische Webstuhl hat das Leben der Weber nicht besser gemacht, sondern arbeitslos. Trotz Wandels der bäuerlichen Landwirtschaft zur Agrarindustrie mit gewaltiger Überproduktion hungern weiterhin weltweit die Menschen. Die Möglichkeit der globalen Kommunikation hat uns nicht klüger gemacht und lässt uns auch nicht näher zusammenrücken, sondern ist zu einem Verblödungsmedium mit angeschlossenem Webshop verkommen, auf dem Katzenvideos noch das Beste sind, da sie den Menschen (so nicht Katzenhasser) wenigstens für einen Moment lächeln lassen. Und ja: Ihr dürft Euch gerne fragen, wie schizophren ich bin, da ich das gerade hier veröffentliche.

Und deshalb fürchte ich, dass, wenn morgen jemand Roddenberrys wunderbaren Replikator erfinden würde, die Welt sich nicht zum besseren wandeln würde, sondern noch schneller in die Katastrophe schreiten. Weil der Replikator jemandem gehören würde. Jemandem, und nicht allen. Weil jener, dem er gehört, damit auch Profit machen wollte. Und wenn nicht jener selbst, so jemand in seiner Nähe, jemand, der ihn an sich reißt, um ihn für sich zu nutzen. Und weil der überwiegende Teil der Menschheit dies auch gerecht finden würde, dass der Replikator jemandem gehörte und nicht allen. Wo kämen wir den dahin, wenn jeder »umsonst« von der Leistung einen anderen profitieren könnte? Alles muss jemandem gehören! Und wenn es schon nicht mir gehört, dann erst recht nicht dem »Anderern«, der es erst recht nicht verdient hat! Wie schon der Webstuhl, der Acker und das Saatgut und das Internet und bald auch das Wasser und unsere Gene und vielleicht auch mal die Luft und unser Leben, und …

… ihr seht schon: Dystopien fallen mir offensichtlich leichter, als Utopien zu erschaffen, …

… technologische Utopien zumindest. Denn – und das ist wirklich wichtig! – nicht der Webstuhl, das Saatgut, das Internet oder der Replikator sind böse oder schlecht. Sie sind auch nicht gut. Nein! Sie sind jenseits davon, sie sind vom Menschen geschaffene Werkzeuge, mit denen er sein Leben gestaltet.*

Jedoch habe ich den Eindruck, dass der Mensch über die Jahrhunderte hinweg fortwähren bewiesen hat, dass er auf der Suche nach seinem persönlichen Paradies, das Paradies aller anderen möglichst gründlich verwüsten muss. Und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Natürlich gibt es auch Gegenargumente. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg schien die Menschheit entschlossen, sich auf ihre Gemeinsamkeit zu besinnen, Menschenrechtscharta und das vom mir so gerne zitierte Grundgesetz zeugen davon. Und natürlich hat der technische Fortschritt den Menschen Gutes gebracht, sie gesünder und satter und in gewissem Ramen auch klüger gemacht, zumindest wenn sie wollen … und wenn sie auf der richtigen Seite der Welt geboren wurden. Keiner will ernsthaft zurück ins Mittelalter, oder in die Steinzeit. – Auch die nicht, die noch immer wie im Mittelalter leben müssen, oder in die Steinzeit zurückgebombt wurden.

Offensichtlich: Ich kann keine Utopien schreiben.

Keine technologischen Utopien, zumindest. Vielleicht auch ganz einfach, weil es überhaupt keine technologischen Utopien gibt und es sie auch nie gab! Weil Technik ein Werkzeug ist, der Hammer wie das Gedicht, das Penicillin wie auch die Bomben und der Müll. Und das Werkzeug kann den Nutzer des Werkzeugs nicht ändern. Nicht zum Guten, nicht zum Schlechten. Das Werkzeug kann ihm schaden und nutzen, meist schadet er damit lieber anderen. Nehmt ihm die Waffen weg! Aber es ist immer der Nutzer, nicht das Werkzeug.

Wenn es keine technologischen Utopien geben kann, dann kann es nur menschliche Utopien geben.

Und wenn man es so sieht, dann ist jede Geschichte, in der das Gute das Böse überwindet, in der Gerechtigkeit geschaffen, Gnade gewährt, Liebe gewonnen, Freundschaft geschlossen, Leben geboren, und gemeinsam gelacht wird, eine Utopie.

In diesem Sinne auf ein utopisches Jahr 2019

Euer Stefan

P.S.: Ich habe nicht das Gefühl. dass dieser Text fertig ist, werde mir also erlauben, ihm, wenn nötig, zu ergänzen und anzupassen.

*Anmerkung zum Werkzeug: Auch die Sprache ist nur ein Werkzeug und hat kein Bewusstsein, kein Eigenleben, auf wenn man es der Sprache gerne zuschreibt. Und so kann auch die Sprache nie ansich/von sich aus/ in sich selbst(!) gut, böse, rassistisch oder sexistisch sein kann. Es geht immer darum, wie jemand etwas meint, und wie jenes von der Gegenseite verstanden wird. Dies ist das Geheimnis der Kommunikation. Und da ich Euch alle, die bis hier her gelesen haben, für kluge und verständige Menschen halte, gehe ich auch davon aus, dass Ihr den Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht kennt. Danke!

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Das Monster im Keller

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Kürzlich haben wir im Blog vom AKzwanzig13 über die vielfältigen Aktivitäten unseres Autorenkollektivs berichtet. Zwei Namen wurden nur im Abspann erwähnt, der von Marco Findeisen, und meiner.

Hier also – sozusagen – ein kleiner Nachschlag.

Ich habe hier schon über mein Talent berichtet, mannigfaltige Vermeidungsstrategien zu entwickeln, um mich vor dem Schreiben zu drücken. Was an sich ja – gelinde gesagt – schon seltsam anmutet, da ich, wie die meisten meiner werten Kolleginnen und Kollegen, von dem Drang beseelt bin, Geschichten zu entwickeln und zum Leben zu erwecken.

Trotzdem gelingt es mir immer wieder, irgend etwas „wichtigeres“ vorzuschieben. Zur Zeit nutze ich den so raren wie wertvollen Urlaub vom „Brotjob“ dazu, nicht richtig viel zu schreiben, sondern einem anderen Bedürfnis zu folgen, nämlich der dringend notwendigen Renovierung meines Kellers. Mein sommerlicher Dungeoncrawl, sozusagen.

Bedenkt: Ihr habt es hier mit einem schwäbischen Autoren zu tun …

Aber: Ja, ich schreibe noch …

… wenn auch nicht so viel, wie ich gerne möchte.

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Das Verputzen des Kellers / Monsters

Und da Ihr hoffentlich lieber etwas über das Monster im Keller, als das Verputzen desselben lesen wollt (der Satz gefällt mir, er regt zu einer Geschichte an …) verrate ich Euch natürlich auch, was ich denn zur Zeit so schreibe.

Im Moment nötigen mich leider weder Abgabetermine, noch sonstige Verpflichtungen dazu, konzentriert an EINER Geschichte zu arbeiten. Und so gönne ich mir den Luxus, mich gleich mit VIER Romanprojekten zu beschäftigen. Oder – wie der Prokrastinationstroll sagen würde: Ich gönne mir den Luxus, die Arbeit an gleich vier Romanprojekten zu vermeiden.

Und so kann ich nicht sagen, welche Geschichte irgendwann die Teiletappe eines tragfähigen und Verlagen oder Agenten anbietbaren Konzepts schafft, welche gar als Erste über die Zielgerade der Rohfassung gehen wird.

Um was handelt es sich denn?

Nun, zum Einen schreibe ich noch immer an jenem einen Fantasyroman, der mich schon seit einigen Jahren beschäftigt, mein „Herzensprojekt“, dem ich hier unter dem Titel „Jadvengar“ – selbst voller Ungeduld – eine Unterrubrik eingerichtet habe.

Ein weiterer Fantasyroman spielt in der selben Welt, wie „Jadvengar“, und entstand aus einem Konzept, das ich vor Jahren noch für „Das Schwarze Auge“ entwickelt hatte, dann aber nie zum Roman wurde, und jetzt „entavanturisiert“ eine neue Chance bekommen soll. Arbeitstitel? „Sturmfalken“.

Außerdem arbeite ich an einem Science-Fiction-Roman (AT: „Klone“), dessen Weltenbau fast abgeschlossen ist, und zu dem schon ein paar Seiten geschrieben sind.

Und zuletzt gibt es da eine Dystopie, zu der nur ein grobes Konzept existiert, zu der ich also nicht viel sagen kann, außer, dass die ersten Notizen unter der Arbeitstitel „Scheißwetter“ entstanden.

Ja, ich schreibe noch …

… und ich lasse mich mit viel zu großer Leichtigkeit davon abhalten.

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Als Beweis hier ein Beispiel erfolgreicher und erfreulicher Prokrastination mit der Band:

Cold Shot live …

Aber jetzt geht es weiter mit …

ja, bei vier Projekten ist das gar nicht so einfach zu entscheiden …

Fantasy, SF oder das „Scheißwetter“?

und dann lauert da ja noch dieses Ungeheuer im Keller!

Vermeidungsstrategien … schön!

Offensichtlich bin ich ein Meister darin, meine rare Schreibzeit nicht nur einfach so immer weiter einzuschränken, sondern dabei auch gleich neue Baustellen zu eröffnen, die ich wohl in zwei Leben nicht abschließen kann.

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Aber das neue Spielzeug, das ich für mich wiederentdeckt habe, ist einfach zu schön … und vielleicht wird es auch irgendwann richtige Töne von sich geben.

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Aber keine Angst … demnächst erzähle ich euch hier an dieser Stelle etwas über Jadvengar. Was das ist? Wie gesagt: Demnächst …

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