Ein Blick in’s Bücherregal

In der letzten Zeit reden wir oft über die Sichtbarkeit weiblicher Autoren (oder Autorinnen, wenn euch das lieber ist) in der Phantastik. Wir reden über Anzahl, Auflagen, Quoten, Wahrnehmung und die Autorinnen die fehlen: die nicht schreiben, weil sie nicht veröffentlicht werden, die nicht veröffentlicht werden, weil sie nicht verkauft werden, die nicht verkauft werden, weil sie Autorinnen, Autor (w), weiblicher Autor sind.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht an der laufenden Grundsatzdiskussion beteiligen, das ist nicht der richtige Platz dafür, sondern mache einen kleinen Selbstversuch und werfe einen Blick in mein Bücherregal, schaue mal, was da steht, was ich gelesen habe, möglicherweise in den vergangenen Jahrzehnten immer und immer wieder.

Ich möchte eines vorrausschicken – und ihr könnt es mir glauben, oder nicht – aber ich habe nie in meinem Leben ein Buch danach ausgewählt, welchen Geschlechts der Verfasser ist. – Ich habe also keine Ahnung, was mich erwartet.

Reden wir also einmal nicht über die phantastischen Autorinnen, die uns fehlen. Reden wir über die phantastischen Autorinnen, die wir haben. Die wir schon lange haben. Seit vielen Jahrzehnten.

Ja, ich muss euch enttäuschen, ich lasse jetzt alle weg, die ich persönlich kenne, die in irgend einer Weise Teil des PAN oder der aktuellen deutschen Phantastikszene sind, und auch die, die ich – ganz grob – erst in den letzten Jahren oder gar erst durch die aktuelle Diskussion für mich entdeckt habe. Wie zum Beispiel Becky Chambers oder Nnedi Okorafor, die hiermit wenigstens genannt werden.

Aber fangen wir doch mal von vorne an. oder „von früher“ sozusagen … Mit der mehr oder weniger phantastischen Literatur, die mich von Anfang an begleitet hat. Sind »Pippi« und »Ronja« nicht auch Teil der Phantastik? Ich gebe zu, dass ich Astrid Lindgrens Bücher erst später gelesen habe, lange nach dem tausendsten anschauen der klassischen Serien und Filme.

Enid Blytons »Fünf Freunde« – Ok, jetzt wird’s phantastisch grenzwertig – hatte ich zwischen acht und dreizehn (als ich schon ganz andere Bücher las) schlicht vergöttert. Kleines Detail, weshalb ich her gerne erwähne: Keiner meiner Freunde, welche die Fünf Freunde ebenfalls lasen, mochten ernsthaft Julius oder Anne, wir fanden Richard toll, aber George war unser aller Heldin, und ich war sicher nicht der einzige, der sich eine Freundin wünschte, genau so cool wie sie; gar (insgeheim?) selbst so mutig und unabhängig wie sie sein wollte. Sagt also nicht, dass Jungs keine weiblichen Helden akzeptieren – gilt auch für Pippi und Ronja, oder Sylvia und Bonnie aus Joan Aikens »Wölfe ums Schloss«, einem Roman, den ich seit meinen Teenagertagen unzählige Male gelesen habe.

Müssen wir über Joanne K. Rowling noch reden? Ok, die schiebt jetzt sicher jemand in die »Kinderbuchecke«, oder in »All-Ages«, aber ist das nicht das Genre, das für Harry Potter extra erfunden wurde? Oder Suzanne Collins? »Die Tributen von Panem« sind ist »sogar« Science-Fiction! Beide sind Weltstars, mit Riesenauflage und Verfilmungen. Soll jetzt kein Kriterium sei. Wie auch Marion Zimmer Bradley, sie wurde als Science-Fiction-Autorin bekannt, aber ich habe nur ihr Fantasyromane im Regal. Und ich kann keine Artus-Verfilmung mehr sehen, weil ich »ihre« Morgain liebe. Und, ok, Mary Shelly müsste jeder kennen, oder? Also weiter …

… weiter durch das Regal, zu den Büchern, die schon etwas vergilbt und abgegriffen sind. Und vielleicht auch etwas vergessen …

Patricia A. McKillips »Die vergessenen Tiere von Eld« gehörte lange Jahre zu meinen absoluten Lieblingsbüchern, und auch ihre »Erdzauber«-Trilogie ist mehr als einen Blick wert.

Das erinnert mich an »Erdsee«. Über Ursula K. Le Guin wurde ja in der letzten Zeit viel berichtet, und die Neuausgabe ihres bekanntesten Werks sollte nicht nur Zierde des Bücherregals sein. Man sollte sie nicht auf »Erdsee« reduzieren, aber ich gestehe, es ist ihr einziges Buch (genauer: ihre einzigen Bücher) in meinem Regal, immerhin gleich in doppelter Ausführung.

Wenn wir schon bei feministische Phantastik sind, schauen wir bei Naomi Mitchinson vorbei. Sagt der Name noch jemandem etwas? Als ich sie entdeckte, hatte ich keine Ahnung von „feministischer Phantastik“, und eigentlich hat sich das bis heute nicht geändert. Ihre »Reise durch die Zeit« erschien bei Hobbit-Presse, und da ich bei Hobbit-Presse-Bücher selten daneben lag, habe ich das Buch gekauft und gleich mehrfach verschlungen. Viel später folgten die »Memoiren einer Raumfahrerin« und weitere.

Was ist mit Tanith Lees »Das Mädchen und das schwarze Einhorn«? Jahrzehnte nach dem ich es erstmals gelesen hatte erfuhr ich, dass es Teil einer Trilogie ist. Inzwischen steht auch die Trilogie im Regal.

Auch Joy Chants »Roter Mond und Schwarzer Berg« bekam Fortsetzungen, von denen ich bis heute nichts wusste und die ich deshalb nicht gelesen habe. Gute Gelegenheit, das demnächst nachzuholen.

Anne McCaffreys »Drachenreiter von Pern« sind Klassiker der gefühlten Endlosserien – OK, ich bin nie weit gekommen, aber vielleicht hole ich auch das noch nach.

Also, Zeit mal nachzuschauen … und … Oooh!

Ein Problem, ein großes Problem, ein ganz großes Problem jener Bücher, die ich hier zuletzt nannte, ist, dass sie zu einem guten Teil nur noch antiquarisch erhältlich sind. Ich glaube jetzt nicht, dass es daran liegt, dass es Autorinnen sind, schauen wir also noch mal nach…

… und noch einmal ein langes: Oooooh!

Ich habe es jetzt mal mit ein paar Namen versucht, von männlichen Autoren in meinem Bücherregal, von denen ich annahm, dass sie eher vergriffen sind – Alfred Bester, Ian McDonald, Norman Spinrad, kennt die noch wer? – und meine Trefferquote der erhältlichen Werke ist deutlich höher als bei Patrica A. McKillip, Naomi Mitchinson oder Tanith Lee, denen ich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad in den Siebzigern bis Neunzigern zugerechnet hätte. – Zufall bei der Auswahl?

Wie geschrieben: Ich möchte hier nicht unterstellen, dass Bücher weiblicher Autoren stiefmütterlicher (darf man das noch schreiben?) behandelt werden, als die Werke ihrer männlichen Kollegen. Oder dass die Werke von Autorinnen schlechter behandelt werden, weil sie Autorinnen sind. Aber eine kurze Recherche genügt, um festzustellen, dass viele Bücher dieser Autorinnen nie übersetzt wurden. Von vielen der oben genannten Büchern wusste ich nicht mal, dass sie Teil eines Zyklus sind, oder eine Fortsetzung bekamen. Sie wurden auch meies Wissens nach nie in dieser Form beworben, und somit hatte der serienaffine Phantastikleser (m/w/d) nie die Chance, sie als Zyklus zu erkennen und zu wollen und zu vervollständigen. Und kann es ernsthaft sein, dass Anne McCaffreys gesamte »Pern«-Saga auf deutsch zur Zeit nur noch als E-Book erhältlich ist? Ja – noch einmal – viele dieser Bücher sind Klassiker, Weltliteratur, wenn ihr so wollt, und wurden offensichtlich seit Jahren auf deutsch nicht mehr nachgedruckt.

Ihr seht, ein kleiner Blick ins eigene Bücherregal kann interessante Erkenntnisse hervorbringen. Macht es doch auch einmal …

Ich habe mich auf ein paar »Klassiker der phantastischen Weltliteratur« konzentriert, die mir ins Auge gestochen sind, und nicht alle erwähnt, die im Regal stehen. Ich habe die Autorinnen von »Das Schwarze Auge« weggelassen, und ich habe wie gesagt alle weggelassen, die mehr oder weniger »neu« sind, also in den letzten zehn, fünfzehn Jahren dazukamen. Und dort finden wir dann auch endlich die deutschen Autorinnen.

Denn das ist tatsächlich etwas, das mich bei meinem kleinen Blick ins Bücherregal zunächst erstaunte: denn der Anteil der deutschen Autorinnen in dieser Kategorie liegt tatsächlich bei NULL. Nun schenkt mir ein erneuter Blick ins Regal – nämlich auf die deutschen Klassiker der Phantastik, Subkategorie männlicher Autor – ein wenig Erleichterung, denn dort sieht es in meinem Bücherregal auch nicht viel besser aus. Ok, wir haben Michael Ende und Ottfried Preußler, aber das ist ja schon wieder das viel geschmähte »Reservat der phantastischen Kinderliteratur«. Und wenn ich jetzt weiter suche gelange ich in der einen Richtung schnell zu E.T.A Hoffmann, in der anderen wartet schon Wolfgang Hohlbein, und dann ist es nicht mehr weit zu Cornelia Funke, ja auch wir haben Autorinnen mit Welterfolg und Verfilmung. Aber deutsche Phantastik-Autor*innen der fünfziger bis achziger Jahre, da sieht es wirklich düster aus, zumindest in meinem Bücherregal. Und da spielt das Geschlecht offenbar keine Rolle.

Aber wir wollten ja über die weiblichen Autoren reden, und nicht über die deutschen, und hier muss ich als Fazit dieser kleinen Suche erkennen, dass der Anteil der Werke weiblicher Autoren tatsächlich geringer ist, als ich zuvor dachte, und sicher auch geringer als in meinen Jugendtagen (also der Anteil!). Wobei das auch meiner Neigung zur Vervollständigung von Serien geschuldet ist, und der teilweisen Unmöglichkeit, dies bei einigen der oben genannten Werken auch umzusetzen.

Aber das ändert sich – hoffentlich. Nein, eigentlich mache ich mir darüber gar keine Sorgen, denn es ändert sich ja jetzt schon. Denn wenn ich eben jene Bücher hinzunehme, die in den letzten Jahren hinzugekommen sind, die Bücher von Kolleginnen, die mir lieb und teuer sind, auch die Bücher, die mir in der laufenden Diskussion ans Leserherz gelegt wurden, dann sieht es zumindest in meinem Bücherregal schon wieder anders aus.

Aber verlangt von mir jetzt nicht, dass ich es jetzt abzähle. Denn …

Und das ist vielleicht das Wichtigste.

… die Bücher stehen bei mir nach Namen sortiert im Regal – nach Nachnamen!

Ok, ich habe die Sachbücher aussortiert, zumindest wenn sie von Nicht- Belletristikern geschrieben wurden, und auch Serien wie »Das Schwarze Auge« und Verlagsreihen, wie auf dem unteren Bild, stehen separat.

Aber ich habe meine Bücher ansonsten nicht nach Genre sortiert, nicht nach Erscheinungsjahr, nicht nach Farbe, Größe (Ok, wenn es nicht reinpasst), Seitenzahl und am allerwenigsten nach dem Geschlecht des Autors (hier eindeutig als Titel, als Tätigkeitsbeschreibung zu sehen!), sondern nach dem Nachnamen. Und das war schon immer so.

Ehrlich gesagt verstehe ich es nicht. Gibt es wirklich Leute, die die Geschichten, die sie Lesen wollen, nach dem Namen des Autors, nach dessen Geschlecht, Herkunft, Haar- oder Hautfarbe, nach dessen Alter oder sexuellen Präferenzen oder sonst irgend etwas, das mit der Geschichte überhaupt nichts zu tun hat, auswählen?

Übrigens … kurze Einlage: In diesem Zusammenhang bin ich auf dieses Crowdfunding-Projekt gespannt: Unknown – Erzählungen unbekannter Herkunft. – Brauchen gute Geschichten den Namen ihrer Autorin oder ihres Autors? … schaut es euch mal an, unterstützt es und macht mit!

Und … OK … gleich noch eine Abschweifung! (Ja! Das hat mit der Geschlechterfrage bei den Autor*innen jetzt wirklich nichts zu tun – Männer schreiben Frauen und Frauen schreiben Männer und alle schreiben alles, das soll so sein.) Weil ich es einfach nochmal sagen will: Hat es wirklich je eine Rolle gespielt, ob ich mit der Roten Zora auf Abenteuer ging, oder mit Huckleberry Finn? – (Beides übrigens Figuren von männlichen Autoren). Und Ronja und Georgina waren mir über Jahrzehne so treue Freundinnen, wie es Onyesonwu und Kilianna (Ha! Jetzt habe ich dich auch noch untergebracht) hoffentlich noch werden.

Jetzt habe ich viel über die phantastischen Autorinnen geredet, die wir haben. Was ist mit jenen, die wir nicht haben?

Nun, die phantastischen Autorinnen, die wir nicht haben, sind die, die wir noch bekommen. Es sind viele. Freuen wir uns darauf.

Man liest sich …

P.S: Kleiner Selbstversuch gefällig? Wie sieht es denn bei euch im Bücherregal aus?

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